Momente

25 05 2009

Da saß der Bursche nun allein auf dem grünen Hügel, nebst den leuchtenden Narzissen und sprach zum Himmel:
“Hallo Sonne, die du da über mir hinwegziehst und mich schelmisch angrinst. Und ihr Vögel da, die ihr mich mit eurem Geplapper verhöhnt. Gegrüßt seist du, du unbarmherzige Existenz. Zu wessen Belustigung quälst du mich? Stiehlst mir die Zeit mit großen Säcken, erbeutest meine Tage im Nu, peinigst meine Träume mit all deiner Macht. Momente wie Jahre, Jahre wie Momente. Sitzt in meinem Kopf und ziehst an den Fäden, kontrollierst das Gift, dass mich zu Schlafe bringt und mich aus ihm reisst. Machst Sekunden wie Monate ungeschehen und wirfst mich durch Raum und Zeit. Machtest mich zum Idealisten, zum Romantiker, zum Träumer, aber haben die doch alle gemein, entweder bei Schlachten in der ersten Reihe zu sterben, vom Schicksal verhöhnt oder in Gedanken vom Sturm überrascht zu werden.”
So er diese Worte gesprochen hatte, lärmten
die Wolken und ergossen ihre Scham über sein Haupt.



In the jungle the lion sleeps tonight …

12 01 2008

Etwas muss an der Sache doch dran sein. Alle, die ihr Schülerleben schon hinter sich gelassen haben, seien es Freunde, Verwandte oder Lehrer, predigen einem sehr glaubwürdig, dass wir als Schüler doch noch glücklich sein können. Verklärt man die Vergangenheit nicht fast durchgängig für unerreichbar, für die gute alte Zeit? Oder ist da in diesem Fall etwas anderes dran?
Eigentlich kann man die Schule als einen dichten Dschungel bezeichnen, einen wilden gefährlichen Raum voller Lianen über die man stolpern und Sträucher in die man hineinfallen kann. Die wilden Raubtiere klassifiziere ich mal lieber nicht, aber unter denen kann sich jeder vorstellen, wen er will. Mit unserer Hand umklammern wir fest ein lange Machete, ein Werkzeug welches uns dabei hilft, uns durch den Schulalltag zu schlagen, den Schweiss auf der Stirn, im Morast watend. Die Luft ist feucht, wirkt einschläfernd und nur die hellen Strahlen die hier und da durch das dichte
Blätterwerk der Baumkronen fällt und die verkratzte Klinge der Machete glänzen lässt, schenken einem die Zuversicht, dass am anderen Ende des Tunnels, hinter dem letzten Baum, eine weite, in Sonnenlicht getauchte Wiese auf uns wartet. Schritt für Schritt geht es vorwärts und einige müssen auch mal Rast machen und sinken geschwächt und resigniert auf einen Baumstumpf und wieder andere, die bleiben im undurchsichtigen Dickicht zurück.
Irgendwann dann, reissen wir den letzten Ast aus unserem Gesicht und stolpern in die Freiheit, die einen in eine Steppe, die am Horizont keine Ziele birgt, andere ins nächste Abenteuer. Nun brennt die Sonne mit ihrer vollen Kraft auf den Kopf, denn jetzt ist da kein schattenspendender Wald mehr, der uns vor der ungehemmten Einstrahlung aus dem Himmel schützt.
Und da wird mir bewusst, dass man bei aller Verbitterung und allen Gedanken, die sich schon Jahre voraus in der Zukunft ihr Plätzchen suchten, das eigene Blickfeld durch diese Anstrengungen so eingeent war,
dass sie die Sicht auf das Schönste versperrt hatte: die farbenfrohen und exotischen Pflanzen, die frischen Früchte an den hohen Ästen, die grüne und unberührte Natur – auf das Leben.
Wir werden sehen …



Tauchgang

11 03 2007

Kaltes Wasser. Wie eingefroren. Blauer Kachelboden. Weiße Sonnenflecken.
Blut. Schwarzrote Wolken. Unbeweglich.

Zufriedenes Treiben in der Kälte. Kein Atemzug.
Kein Schmerz. Lächeln.

Vergessen, nie mehr auftauchen. Augen schließen.
Unsterblichkeit.

Hände. Hände greifen nach mir. Reißen mich an die Oberfläche.
Hastiges umblicken. Schreien.
Sind verschwunden.

Alles rot um mich. Pochende Schläfen.
Ich sitze im Blut.

In meinem eigenen.



Zerbrochen und gesunken, in dunkle Sphären

6 02 2007

Was bleibt übrig, als sich an dem zerbrochenen Wrackteil des Rettungsbootes fest zu klammern, wenn der eiskalte Wind an der Haut und den Kleider reisst, hier auf dem offenen Meer. So dunkel ist es, fast schwarz, das Wasser greift mit schwarzen Krallen nach mir und die schwach schimmernden Sternlein schauen gleichgültig vom Himmel herab, wie Löcher in schwarzem Papier, und verschwimmen vor meinen Augen, so dass in dieser endlosen Wasserwüste ohne Horizont, mitten im Nichts, mich die Angst ergreift und das lauteste Schreien sich so leise anhört, wie ein heimliches Flüstern. Ich habe Angst, und ich glaube, für mich wird die Sonne nie mehr aufgehen, um mich mit ihren warmen Strahlen an der Nase kitzeln, wie sie es die Tage zuvor am frühen Morgen auf der Reeling getan hat. Mir wird schlecht und ich beginne meine Finger und Füße nicht mehr zu fühlen.
Jeder rauschende, klirrend kalte Schwall Wasser, der sich über meinen Körper ergießt, ist wie
das Schreien der Freunde, die in den letzten Stunden in diesem schwarzen Etwas versunken sind, weil ich sie doch nicht festhalten konnte. Sie waren schon so bleich und hatten aufgehört zu atmen. Dann haben die dunklen Kreaturen, die schon wieder nach mir greifen, sie zu sich nach unten gezogen. Ich will aber nicht in die Tiefe gerissen werden, denn das einzige was mich jetzt noch um das Überleben kämpfen lässt, ist die Angst vor dem Ertinken in dieser dunklen Unendlichkeit. Angst! Nicht so!
Nicht einmal der Mond scheint heute Nacht.



Ist das Schnee?

23 01 2007

Es ist so heiß. Oder bin ich es? Schweiß tropft mir von der Stirn und erinnert mich daran, dass mein Fieber immer noch mein Blut kochen lässt. Was stellt die Krankheit mit mir an? Alle Farben wirken so matt, als läge ein graugrüner Filter über meinen Augen.
Ich kann nicht aufhören zu schwitzen.
Ich gehe zum Dachfenster und öffne es mit meinen zittrigen Händen, um den dünnen Zuckerguss zu betrachten, der sich ganz unmerklich heute Nacht über die Welt gelegt hat, während mein Hirn mir so einen Haufen Träume vorgegaukelt hat, dass man sie glatt 2 Wochen im Satellitenfernsehen ausstrahlen könnte.

Ich gehe langsam durch eine schmale, mittelalterlich wirkende Gasse. Die Sonne bricht durch die Wolken und lässt das abgetretene steinerne Pflaster matt glänzen, während sich meine nackten Füße darauf ganz kalt anfühlen. Links und rechts stehen Fachwerkhäuser mit leeren Schaufenstern. Alle Schaufenster sind leer und der Blick ins
Innere der Läden wird von braunen alten Stoffvorhängen verwehrt. Es ist kein schönes Braun, sondern dieses ekelhafte ausdruckslose Braun, dass heute nur noch als Farbe alter und hässlicher Gardinen zu finden ist, bei deren Betrachtung man sich die Frage stellt, ob diese Gardinen in den letzten 100 Jahren irgendjemandem gefallen haben mögen. Ich gehe weiter und es tauchen immer mehr Schaufenster auf, eines kleiner wie das andere, sodass ich mich frage, was die Besitzer dieser komischen Läden wohl darin verkaufen.
Mittlerweile habe ich aufgehört die unzähligen Schaufenster mit ihren grauenhaften braunen Vorhängen zu zählen.
Ich bleibe vor einem der leeren gläsernen Kästen stehen und presse meine kalte Nase gegen die Glasoberfläche und betrachte dabei das unscharfe Spiegelbild meiner Augen.
Die Sonne hat die Holzverkleidung des Schaukastens schon ganz ausgebleicht.
Was tue ich hier?
Ich suche einen Ausweg aus dieser Gasse, doch ich finde keinen. Die Türen der Häuser sind
verschlossen und hinter den Treppen die durch die Gasse führen, beginnt die Gasse wieder von neuem.
Ich beginne zu verzweifeln und fange an, gegen die Schaufenster zu trommeln, trete mit den Füßen dagegen, und werfe mein ganzes Gewicht gegen sie, doch nichts geschieht.
So laut ich kann schreie ich, doch mir antworten nur ein paar Vögel mit ihrem Zwitschern, obwohl ich bis jetzt weit und breit keine Vögel gesehen habe.

Schrecklich war das. Und auch ein bisschen verrückt und auf jeden Fall sinnlos. Froh war ich, als ich meine Augen öffnete und mich in meinem Bett wiederfand.



Todesmoment

17 01 2007

Leise Klänge umzaubern die Ohren mit sanften Geräuschen, wie ein Wasserrauschen aus dem Ozean, narkotisierend erschlagen von der nicht nachvollziehbaren Perfektion des Klangteppichs der durch die Lüfte schwebt, erfüllt von Glückseeligkeit und Ruhe, die Gewissheit gebend, dass keinerlei Bedrohung jetzt die entstandene Zufriedenheit mehr nehmen kann.
Langsam legt sich eine Decke aus Müdigkeit über das Gesicht, den Bauch, und die Hände und das Atmen wird immer unwichtiger, während man in großer weiter Unendlichkeit mit ausgebreiteten Armen dem Licht entgegen fliegt.
Alles ist ruhig.
Für immer.

Lausche …

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Claude Debussy – Claire de Lune



Schwachsinn, der Spaß macht

20 12 2006

Trudelig trollt ein einsamer Troll den Trampelpfad entlang und trifft auf einen tattrigen alten Mann.
“Die Erbeeren sind gut!”, meint der blaue Hase und verschwindet hinter dem knorrigen alten Baum, der verschmitzt von der Sonne angelächelt wird.
Der geht es übrigens nicht gut, sie hat seit neuestem Herpes.
“Ja, ich habe die Reifen auch selbst gewechselt!”, meint der trollige Troll und trollt sich trollig des Weges, wie ein Troll es eben tut.

Die grünen Blumen wiegen sanft im Takt des orkanartigen Windes, ohne das schlechte Gewissen, böse Faultiere zu provozieren, ihnen mit ihren blitzenden Klauen die weichen Hände abzubeißen.

Der alte Mann tattert derweil mit dem blauen Hasen über die Gesundheitsreform und schlussendlich injizieren sich beide Zyankali.

Tot.



Hallo Herr Winter

8 10 2006

Heute beginnt für mich der Winter. Ich spüre das. Nach dem Aufstehen war mein Zimmer in dieses kühle Licht getaucht und das Fenster war mit gefrorenem Tau bedeckt. Die Luft ist so kalt und klar.

Das böse alte Fräulein Herbst hat schon nichts mehr zu sagen. Sie sitzt nur noch auf ihrer morschen Holzbank und zählt die fallenden bunten Blätter. Das wird ihr nun aber langweilig, vorallem weil der unsympathische, hustende Herr Winter neben der Bank steht. Mit jedem Husten von Herrn Winter wird es kälter.
Fräulein Herbst ist doch eigentlich nicht so böse, denkt sie immer. Sie will die Menschen mit dem goldgelben Sonnenlicht und den rotorangenen Blättern doch nur begeistern.

Doch selbst die braunen Kastanien können nur noch die kleinen Kinder beeindrucken.
Deshalb steht sie jetzt auf, nimmt ihren knorrigen Eichenstock, rückt ihr Kopftuch zurecht und läuft mit ihrem krummen Kreuz langsam den Weg in Richtung des Waldes und
verschwindet zwischen den dunklen Bäumen im Nichts.

Dann ist sie fort.



Im Supermarkt

18 09 2006

Schlendernd bewege ich mich durch die Regale, im Hinterkopf säuselige Musik, die mich zum Kaufen der Artikel animieren soll. Ich laufe durch die Gemüse- und Obstabteilung, vorbei an den Salatköpfen. So stehe ich ganz alleine inmitten von lauter sterbender Pflanzen. Damit das Angebot größer wirkt als es ist, sind schräg über den Regalen Spiegel angebracht.

Es geht weiter vorbei an Gewürzen, soviele verschiedene Dosen und Gerüche. Am Kühlregal vorbei blicke ich auf die in Plastik verpackten Lebensmittel. Immer in kleinen Portionen, Fleisch, Wurst, Käse. Totes Material, dass kühl gehalten werden muss, um kein Leben zu entwickeln. Der Fetakäse dümpelt in seinem Glas umgeben von einer öligen, unerkennbaren Flüssigkeit.
Die kleinen Wurstverpackungen wirken so absurd. Ein Tier verpackt in 100 kleinen Plastiktütchen. Jeder kann was kaufen.
Das ist deine Bestimmung an diesem Ort – KAUFEN !!

Für 100 Gramm Schokolade in der
Süßigkeitenabteilung gibt es mindestens eine Verpackungsfläche von einem Quadratmeter. Jedes kleine Stückchen Schokolade verpackt in Plastikfolie. Alles mundgerecht für den faulen Menschen hergerichtet, damit man nur noch den Mund aufmachen muss.
Die Verpackungen sind gespickt mit Lügen, die einzig wahren Aussagen findet man bei den Nährwertangaben.

Der Supermarkt ist so leer. Zwischen den Regalen ist genau soviel Leben zu finden, wie in den Regalen. Keines.
Wozu bin ich eigentlich hier?
Ich schnappe mir eine Flasche Fruchtsaft und haste zu Kasse. Das Scheppern der Kassenschublade, das Piepen der Barcodeleser, das Abreißen des Kassenzettels, alles so vertraute Geräusche.

Ich stehe wieder auf dem Parkplatz und habe den Konsum vorerst hinter mir gelassen.
Wahrscheinlich nicht für lange …



Geträumt I

24 06 2006

Normalerweise träume ich nicht viel. Heute morgen jedoch, erinnerte ich mich an einen freudigen Traum. So fröhlich war ich beim Aufwachen schon lange nicht mehr.
Nein, ich habe nicht von meiner Weltherrschaft oder einem eigenen Haus mit Garten geträumt. Der Hauptakteur in dem Traum war goldig, mit goldenem Fell und treuherzigen, dunklen Augen, sowie einer hechelnden Zunge.
JayJay habe ich ihn im Traum getauft.

Mir war die ganze Zeit klar, dass ich mich nicht in der Realität befinde.
Die Wiese, auf der ich mit ihm Fang-den-Stock gespielt hatte, war so wenig echt, wie der Stock den er nach jedem Wurf wieder euphorisch hoppelnden vor meine Füße auf das nasse Gras gelegt hatte.
Wenn ich ihn umarmte schlabberte er mit seiner nassen Zunge über meine Gesicht und stubste mich mit seiner kalten Nase.

Dieses komische Kribbeln im Hinterkopf beim Aufwachen, hatte aber auch einen Grund.
Am vermeintlichen Ende des Traumes
vermag ich mich daran zu erinnern, dass er mir weggenommen wurde, JayJay. Eingesperrt in eine kleine Gartenhütte aus frischem und hellem Holz, wie man sie im Baumarkt findet, ohne Fenster und ohne Tür und auf keinen Fall geschaffen für einen Golden Retriever.

Er war mein JayJay, auch wenn er nicht mir gehörte. Doch er gehörte auch niemand anderem – er gehörte sich selbst. Das herzzereissende Winseln höre ich immer noch in meinen Ohren.

Ich habe ihn kein einziges Mal Bellen gehört.

Liedtipp: Snoop Doggy Dog – What’s my name