Vergiss es

22 02 2008

Früher warst du so stolz darauf. Jetzt steht dir die Verbitterung ins Gesicht geschrieben, wenn du in die Menge schaust. Ihre unwissenden Blicke. Ausdruckslos, ahnungslos vom Pathos der Tage des Anfangs, des Genesis, des absoluten Beginns – des Undergrounds. Diese Tage waren so geschichtsträchtig, und das hast schon damals gespürt. Alles improvisiert und selbstgemacht. Alles Unikate, Spezialanfertigungen, Zertifikate deiner Individualität. Deine Haare, deine Kleider, deine Sprache, deine Musik, dein Lebensgefühl. All das, was heute als normal angesehen wird. DU warst der Vorreiter, DU warst der ERSTE. Für dich waren es Blut und Tränen, die daran hingen; für die anderen ist es heute nur der Geldbeutel, der ihnen das möglich macht. Heute wird das toleriert, heute ist es Egoismus und Lifestyle, Mainstream und Jugendkultur, aber keine Lebenseinstellung mehr. DU warst true. DU warst außerhalb von allen und allem. DU mit deinen Freunden.
Aber
heute gibt es das alles auf Bestellung, am Fließband, Retorte, Konserve, Plastik, Pink, künstlich, per Internet. Das ist doch gar nichts. DU bist damals wirklich an Grenzen gegangen und hast sie überschritten. DU hast nie den Schwanz eingezogen. DU hast das alles allein geschaft. Ohne Geld, ohne Medien, aus Prinzip, aus Ideologie. Damals.
Du hasst sie! Sie dürften alle gar nicht hier sein, ohne dir nicht Respekt zu zeigen; dem, der das hier alles mit aufgebaut hat. Sie trampeln nicht nur herzlos und voller Unverständnis einem Trend nach, nein – sie trampeln auf DIR herum! Auf deinem Herzblut, deiner Seele, deine Vergangenheit, deinen Erinnerungen, deiner Jugend! Alles für die Katz’ …

Und du stehst da jetzt alleine da. Mit deinen alten Klamotten, denen von früher. Ohne deine Freunde. Die haben entweder schon früher verstanden, dass ihre Generation tot ist, oder sie waren nie wirklich dabei. Aber aus irgendeinem Grund nimmst du es ihnen nicht böse, aber es macht dich traurig. Wenn etwas
wirklich gut ist, dann hat es sowieso bald jeder.
Dein Bier wird warm und du merkst, dass du fehl am Platz bist. Kein Platz für dich, scheint an diesem Fleck zu sein, der früher deine Heimat war. Dann merkst du, dass du vielleicht einfach gehen solltest; dein Bier leer trinken und gehen. Nach Hause, solltest du gehen und dich einfach damit zufrieden geben, dass ohne DICH diese jungen und freien Menschen vielleicht gar nicht hier wären. Geh’ einfach. Vergiss es.

Dann gehst du. Und du kommst nicht wieder.
Denn deine Jugend hat dich gehen lassen.



Mariella

31 08 2007

Die Geschichte von Mariella ist eine traurige Geschichte. Ich will euch von ihrem Leiden berichten, denn wenn jemand in unserer ergrauten, schadenfrohen Welt von Einsamkeit geknechtet wird, dann ist das Mariella.
Man sollte es eigentlich nicht glauben, dass so ein fabelhaftes Wesen wie sie einsam durch die Straßen der Stadt streifen musste. Schon so viele Kerle haben sich in ihr wunderschönes Lächeln und die kristallklaren Augen verliebt, grünblau über den runden Wangen eingebettet. Wenn sie blinzelte, dann wirkte das jedesmal so, als würde sie sich für ihre betörenden Augen enschuldigen wollen. Die nussbraunen Haare fielen leicht gelockt über ihre Schultern. Sie trug sie meist offen.
In diese Mariella haben sie sich alle verliebt, diese Windhunde. Doch wenn Mariella dann in trauter Zweisamkeit ohne böse Absicht beim Lächeln ihren Mund zu weit öffnete, dann ergriffen ihre Liebhaber in spe auch ebenso schnell die Flucht, wie sie sich
in ihren Bann haben ziehen lassen. Dann nämlich erscheinen sie, die spitzen Eckzähne, messerscharf und bedrohlich blitzten sie dann unter den hellroten Lippen hervor.
Sie wollte doch nie eine Vampirin sein, niemanden beissen, doch niemandem weh tun, erst recht nicht Menschen, die sich in sie verliebt hatten und die sie begann zu lieben. Wenn ihre Verehrer dann angstvoll die Türe hinter sich zuschlugen, dann sank sie in die Knie und begann zu weinen.
Das letzte Mal hatte sie einen Menschen vor 3 Jahren gebissen und als sie danach im Spiegel ihren blutverschmierten Mund betrachtete, da begann sie Angst vor sich selbst zu bekommen. Dieses Erlebnis bewog Mariella dann dazu, die scharfen Eckzähne mit einer Feile aus ihrem Mund verschwinden zu lassen. Unvergesslicher Schmerz, Übelkeit und brennende Augen waren die Folgen dieses vergeblichen Versuchs, endlich normal zu werden, so wie alle anderen, um endlich akzeptiert zu werden. Doch die ungebliebten Hauer wuchsen bereits nach einer Woche wieder auf
ihre ursprüngliche Größe zurück.

Lange lange Zeit habe ich nichts mehr von Mariella gehört. Sie ging aus Scham und wegen der Sensationsgier ihrer Nachbarn nicht mehr auf die Straße. Man erzählte sich sogar, sie habe alle Spiegel in ihrer Wohnung abgehängt, um sich selbst, der Missgestalt, als die sie sich betrachtete, nicht mehr unter die Augen treten zu müssen, zu der sie eines Nachts nach einem Biss geworden war, dem sie wehrlos ausgesetzt war. So begann sich selbst die Schuld an ihrem Aussehen zu geben. Irgendwann verlor sie dann sogar ihr Lächeln, welches selbst noch in größter Trauer und Angst ihr Gesicht erhellt hatte.
An einem Januarmorgen musste ich in der Zeitung von einer jungen Frau lesen, die man aus dem Fluss gefischt hatte. Einen Tod in dieser elenden Dreckbrühe hätte man nicht dem größten Verbrecher gewünscht. Ihr toter Körper war Verschlussache, die Zeitung berichtete nie von der Aufklärung ihres Todes.
Kalt ist der Fluss um diese Jahreszeit.

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Lost Prophets – 4:AM Forever



Lieben und Sterben

26 05 2007

Sie war so schön. Atemberaubend, vollendet, göttlich, das leere Nichts erfüllend – wortlos unbeschreibbar. Gelähmt Augen. Stiller Atem. Alles steht, für wenige Sekunden. So schön dass er ihr nicht die Augen schauen konnte, ohne sich all seiner Bosheit in seinem verkümmerten Herzen bewusst zu werden, welches solch einen schönes Antlitz nicht verdient hatte.
Dann schweift sein Blick vom Boden über ihren Körper, zum Hals, streichelt ihre seidige Haut mit den Augen; zum weichen Kinn, über den Mund, rot glühend glänzend strahlt er, und bleibt da stehen, verharrt auf ihren Lippen, küsst sie in Gedanken und stirbt dort im selben Moment für seine unerfüllbare Liebe.
Der rote Mund formt Worte, die er nicht hören kann, denn in ihm rauscht nur der Klang des Verlangens und schwebt nur der schwummrige Duft der Besessenheit, der sich mit Blumensträußen der Verliebtheit getarnt hat.

Was er fühlte, hätte sie nie verstanden. Das Los der
Schönheit ist ein Blatt mit vielen Seiten, aber sein Buch war auf schwarzem Papier in weißem Einband gedruckt. Die Seiten hatten sich selbst zerfressen.
Kribbelnde Hände, festgefroren an ihrem schönen Hals drücken immer fester zu und lassen das bezaubernde Lächeln aus ihrem Gesicht verschwinden. Verzerrte Schönheit. Zitternde Augen. Kein Atem. Alles steht.
Für immer.



Herr Zeit

17 05 2007

Wenn man zuviel Zeit hat, dann beginnt man, mit Zeit verschwenderisch umzugehen. Aber: Kann man Zeit überhaupt “verschwenden”? Zeit ist doch sowieso etwas relatives, eine Einteilung die wir uns selbst auferlegen. Ein Maß, welches uns unseren Alltag erleichtern soll, weil es dafür sorgt, dass wir uns nicht mehr verpassen, mehr oder weniger …

An all diese Dinge dachte einer niemals. Jeden Tag saß er da, und tat nichts. Er saß alleine und einsam auf einer Parkbank zwischen englischem Rasen, Blumenbeet, Spielplätzen und überfüllten Mülleimern. Keiner wusste, wo dieser Mann wohnte. Weder war bekannt, wie er
hieß, noch wusste jemand Bescheid, ob er überhaupt sprechen konnte.
Man kann komischerweise sagen, die Zeit gab ihm seinen Namen. Für die Kinder und jungen Mütter, für die Jogger und Spaziergänger war er nicht namenlos.
Seine Name war Herr Zeit.
Scheinbar ein zeitloser Name, denn obwohl ihn jeder kannte, kam niemand auf die Idee sich mit Herrn Zeit zu unterhalten und ihn nach seinem wahren Namen zu fragen. Das größte Geschenk war höchstens ein mildes Lächeln. Mal aufgesetzt, mal eher gezwungen und in Eile, so dass Herr Zeit in den Gesichtern der hastigen Seelen mit Rucksäcken und Aktenkoffern bestückt, die Verzweiflung und die Sorgen erkennen konnte, die sie umtrieben. Eigentlich konnte ihn keiner leiden, weil er so faul herumsaß, und dabei so tat, als gäbe es keine Zeit.
Jedoch gehörte Herr Zeit all dieser Ignoranz zum Trotze, in einer bestimmten Weise zum Leben von jedem der ihn kannte dazu, denn jeder konnte sich sicher sein, dass Herr Zeit immer an dieser Stelle sitzen würde,
die Enten am See beobachten, eine Zeitung lesen, die keiner kannte und die Tauben mit Brot füttern würde, von welchem keiner wusste, wo er es her hatte.

Als die Menschen eines Morgens wieder durch den Park liefen, neblig und noch sehr düster war es zwischen den Bäumen und Parkbänken, es muss ein Donnerstag gewesen sein, da war Herr Zeit aber nicht mehr da. Er war vom einen auf den anderen Tag einfach verschwunden.
Da nie jemand gefragt hatte, wie er denn wirklich hieß, und wo er wohnte, geschweige denn sich jemand nach einer Familie oder Freunden erkundigt hatte, konnte sich niemand erklären, wohin Herr Zeit bloß verschwunden war.

Doch ganz spurlos war Herr Zeit den Menschen doch nicht entglitten. Er hatte ein schmutziges Stück Papier zurückgelassen, dass mit einer Nadel an “seine” Parkbank gepinnt worden war.
In ausdrucksloser sauberer und kleiner Schrift waren darauf folgende Zeilen zu lesen:

Sieh, wie sie rennen,
sieh wie sie hasten,
nsich versuchen
gegen die Zeit zu stemmen,
um nichts zu verpassen.

Sehen dabei nicht den Steg,
in Angst vor ihrem Zerfall,
sehen nicht am Horizont,
den letzten Wasserfall.

Das Gedicht landete im überfüllten Mülleimer, der neben der Parkbank die Fahne in den Wind hielt. Keiner hatte Zeit, dass Gedicht zu lesen.
Schade eigentlich.



Blumen gießen

2 05 2007

“Ist das auf dem Bild ihre Familie?”
“Ja, das waren meine Frau und meine Tochter am letzten Geburtstag.”
“Hm, warum sind sie dann noch nicht zu Hause?”
“Wollte gerade noch Blumen kaufen gehen.”
“Haben sie Blumen gern?”
“Rosen mag ich. Meine Frau hat aber Nelken sehr gerne. Davon kriegt sie heute einen schönen Strauß.”
“Aber Nelken, das sind doch Friedhofsblumen.”
. . .



Fressen und gefressen werden

13 04 2007

Der Regen kleidet die Betonklötze mit glitzerndem Gewand ein und lässt die dunkelblonden Haare in dicken Strähnen an der Haut kleben. In durchnässten Sommerkleidern kniet sie auf dem schwarzen Teer und hält den blutenden Kopf ihrer Mutter zwischen den Beinen.
“Helfen sie mir doch!”, schreit sie in die Wand aus Regen und Blindheit hinein.
Eilige und schnelle Füße entfernen sich aus dem Kreis von Schaulustigen, der sich um sie gebildet hat.
Glotzende Augen, glotzende Münder, glotzende Fressen, glotzendes Staunen über den Tod, der seinen Atmen so knapp neben einem selbst aus den Lungen presst. Wie gern man sich doch von seinem Hauch im Genick kitzeln lässt. Sensationsgeilheit, Maulaffenfeil und Fotohandys, die man jedem einzelnen aus der Hand reissen, oder noch besser, gleich mitsamt der ganzen Hand vom Arm abhacken sollte! Wenn man seine Hände nicht zum Helfen nutzen will, dann braucht man sie überhaupt nicht.
“Bitte helfen sie mir
doch!”, schreit das Mädchen mit verzweifelter Miene, während graue Mäntel der Anonymität an ihr vorbeistreifen.
“Oh Gott, bitte helfen sie mir doch, meine Mutter stirbt sonst!”
Tränen oder Regen – wer kann das schon noch unterscheiden. Mittlerweile hat sich eine dunkle Lache aus Blut gebildet, die sich in kleinen Ärmchen und zarten Äderchen auf dem nassen Boden schwimmend immer weiter vergrößert.
Das erstickte “Mama, Mama” dringt kaum noch durch den prasselnden Vorhang hinter dem sich die schuldigen Gesichter so leicht verbergen können. Und niemand hilft. Und niemand hilft. Niemand.

Wenn diese Menschen, die nicht geholfen haben, dann zu Hause am reich gedeckten Abendbrottisch bei heißem Tee sitzen, bei ihren Kindern und die Mathenoten ihrer Jüngsten bestaunen, dann werden sie von ihrem aufregenden Tag erzählen:
“Es war so schrecklich, Schatz! Diese Frau war schwanger und lag im Sterben. Und erst das verzweifelte Mädchen, dass ihr so aufopferungsvoll den Kopf gehalten hat. Und
keiner hat geholfen, alle sind nur drumherum gestanden. Schreckliche Welt ist das … Das es soweit gekommen ist mit der Zivilcourage, da sollte man etwas dagegen tun. Wie dem auch sei, ich bin dann schnell weiter, damit ich die Bahn noch erwischt hab. Gibst du mir mal die Butter rüber, Schatzi?”

Das Schreien hat nicht aufgehört.
Morituri te salutant – Die Todgeweihten grüßen dich.



Monolog einer Kloschüssel

20 03 2007

Mein Name ist Knut. Ich bin kein Mensch, aber schäme mich nicht für das, was ich bin. Ich bin eine beigefarbene Kloschüssel, die bald ihren 25. Geburtstag feiert. Leider habe ich nicht das Super-Sanitär-Los gezogen, wie das weiße Marmorkloset Jean-Pierre, zur selben Stunde hergestellt wie ich, das mit seinem glänzenden Spühlknopf jetzt die High Society im “Cheval noir”, dem angesagtesten Restaurant des Regierungsviertels beglücken darf.
Meine Bürde wiegt schwerer, und zwar wortwörtlich. Ich werde weder in einem teuren Haushalt, noch in einem Gemeindehaus genutzt.
Mein Zuhause ist der Bahnhof. Das Bahnhofsklo ist der Ort, der von den meisten meiner Nutzer als der ekelhafteste Ort der Welt empfunden wird. Hier bleibt keiner gerne lange, sei es die Hast des Reisenden oder einfach der schlichte Ekel, der die Menschen aus diesen Räumlichkeiten heraustreibt. An meiner glatten Oberfläche sind schon soviele Existenzen zerbrochen, soviele
Schicksale habe ich zu Grunde gehen sehen, schon so viele Seelen sind vorbeigeflogen; das Elend der Stadt, der Bodensatz der Gesellschaft, und dazu gehören wohl viele, so wie das hier aussieht. Ich weiß in und auswendig, wie man sich einen Schuss setzt, die Dosis für einen Goldenen kann ich mittlerweile auch abschätzen. Aber ich kann sie nicht warnen davor, weil ich nicht sprechen kann. Blut habe ich schon viel gesehen. Schon einige Tausend Zigaretten sind auf meinem Gesicht ausgedrückt worden. Viele Menschen hatten in der Kabine, in welcher ich mein Dasein friste, ihren Spaß, viele unfreiwillig, was man dann wahrscheinlich nicht mehr als Spaß bezeichnet. Wie gerne würde ich aus meiner Hülle ausreißen und dafür sorgen, dass der Platz neben mir für soviele einsame Seelen nicht der Ort ihrer Verzweiflung werden muss.
Bald hat das alles an ein Ende für mich. Heute werde ich sterben. Ein neues WC kommt an meine Stelle. Aluminium und Marmor. Automatische Spülungen. Infarottrockner und
wassersparende Spülung zum Drücken, nicht mehr die zum Ziehen. Ich bin nicht mehr gut genug. Wie die Menschen die an mich angelehnt die einzig warme Herberge in ihrem Leben fanden.
Ich habe mich damit abgefunden und hoffe, in meiner Zeit auf dieser Erde eine nützliche Aufgabe erfüllt zu haben.
Ich höre sie schon anrücken, mit ihren Vorschlaghämmern. Hoffentlich tut es nicht all zu arg weh. Der Dreck wird mir fehlen. Ziemlich sogar. Die Neonröhre flackert mir ein ‘Auf Wiedersehen!’. Sie wird auch ausgetauscht.
Schritte.
Sie kommen schon.



Weg hier

23 02 2007

Kippe weggeschnippt. Ausgetreten. Hastige Blicke. Augenrollen. Panik. Weg, schnell weg.
Der eintönig schwarze Wagen fährt langsam neben ihm her und scheint ihn zu verfolgen, passt sich seinem Tempo an, klebt wie eine Klette an seinen Fersen. Er bleibt stehen.
Der Wagen auch. Mit einem mal dreht er sich zur Straße und rennt auf den Wagen zu, schlägt auf die getönte Scheibe, doch der Wagen gleitet unter seiner Handfläche davon. Wäre ihm fast noch über den Fuß gerollt. Nummernschild – negativ. Scheiss As!
Der Wagen verschwindet mit Reifenquietschen hinter der nächsten Hausecke.
Eigentlich sollte er doch derjenige sein, der Angst hat, aber es kommt ihm so vor, als hätten diese Schweine Angst vor ihm. Solange sie ihn nur verfolgen, kann er noch froh sein, denkt er. Wenn sie ihn mit den Baseballschlägern zu Hause besuchen, dann kann er sich sicher sein, dass die nicht so schnell abhauen werden.
Hinter den Betonpflanzen der Stadt
brennt sich die Sonne in den Horizont und wirft schummriges orange-rotes Licht auf den Gehsteig, während ein kühles aufziehendes Lüftchen durch sein volles Haar pflügt. Die Straßenbeleuchtung flackert kurz und beleuchtet den hellrot schimmernden Straßenzug mit sterilem Weiß.
Auswandern. Ohne Gepäck, damit sie keinen Verdacht schöpfen – alles riskieren. Geld hat er ja. Zum Flughafen, aber bloß schnell. Weg hier. Irgendwo hin. Aber weg.



Die Motte, Opfer der Nacht

21 02 2007

Ihr Lippenstift war verschmiert und die gepuderten Backen durchfurcht von Tränentälern. Sie sprach mit leiser Stimme mit sich selbst und flüsterte heimlich mit der Straßenlaterne; umklammerte sie wie einen Freund, und rieb ihre weichen Wangen an der Kälte der blanken Metalloberfläche. Die Zigarette zwischen ihren Lippen glimmte schon lange nicht mehr, so wie das Feuer in ihr drinnen, dass mit einem Eimer kalten Wassers vor 10 Minuten ausgeschüttet worden war. Alle Kindheitsträume sind verflogen, wie sein Parfum heute Abend. Keine Familie, keine Kinder, kein Mann, kein Haus, kein süßer Hund, nicht einmal ein bisschen Liebe – alles Lüge.
Mit einem traurigen Blick verfolgte sie eine taumelnde Motte, die ihren Kopf umkreiste, sich im Zickzack zur Straßenlampe hochschraubte, um dort unablässig gegen die Glaslampe zu fliegen, was jedes mal ein leises Knacken durch die Nacht schallen ließ.
Das Leben kann so einiges mit einem anstellen, aber
mit ihr war es schon immer besonders streng gewesen. Kein Happyend, keine Traumprinzen, die sie mit in eine heile Welt nehmen und sich um sie sorgen, alles Lügner, die sich mit ihr einließen. Das war das Problem. Über ihrem Leben prangte eine große Überschrift, in dicken Lettern: Enttäuschung.

Sie kam sich vor wie die Motte über ihrem Kopf, die immer noch gegen die Straßenlampe flog, unablässig, ohne zu lernen, ohne die Angst, der körpereigene Chitinpanzer könnte einen Knacks bekommen. In das Licht der Lampe wurde normalerweise so einiges getaucht, was einsam und verloren durch die Nacht kroch, doch jetzt hatte sie das Gefühl, als wäre sie die Einzige, die noch mit dem Problem der Einsamkeit zu kämpfen hatte, und alle anderen hätten ihren Tanzpartner auf dem Parkett des Lebens gefunden. Wenn man alle Möglichkeiten ausprobiert hat, aber nichts dabei herrauskommt, dann verliert man die Hoffung, und es wäre unvernünftig das nicht zu tun. Als sie wieder die Motte gegen die Glaskuppel der
Lampe krachen hörte, erfüllte sie das mit ein wenig Genugtuung, doch nicht das einzige Opfer dieser Nacht zu sein, auch wenn sie wohl weiter alleine tanzen würde müssen, ihren Träumen nachjagen und ihre Krisen alleine durchstehen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, aber es tut trotzdem weh. Das Leben kann so unfair sein.

Das Knacken hatte aufgehört.
Die Motte war tot.



Der Teufel muss eine Werbeagentur haben

24 01 2007

Der kleine Max steht im Kaufhaus vor dem großen Regal mit den Süßigkeiten und kratzt sich verwundert den Kopf, nicht etwa überrascht von der riesigen Menge Überraschungseier, sondern eher von den raffinierten Marketingmethoden der Süßigkeitenhersteller.
Er hatte seine Mutter schon oft gefragt, warum denn gerade auf den Süßigkeitenpackungen, deren Inhalt doch so dick machen soll, Werbung für Sportartikelmarken gedruckt ist. Man konnte ihm auch noch nicht erklären, weshalb die Fußballer der Nationalmannschaft ihre Visage gerade für den braunen, süßen und klebrigen Brotaufstrich in Szene setzen, den ihm seine Großmutter verboten hat, weil er doch so ungesund sei.
Von den bunten Packungen paralysiert stolpert der kleine Kerl weiter durch den Supermarkt, vorbei an den billigen Weinflaschen, angefaulten Salatköpfen, und am umetikettierten Schweinerücken und der tiefgefrorenen Käsepizza, hinüber zu den glänzenden Chipstüten, auf
denen schon wieder komische Fußbälle und sportliche Models den kleinen Max mit aufgesetzter Grinsefresse anschmachten, gerade so ausgefuchst, um den armen Jungen dazu zu bewegen, seine kleinen Finger nach den Tüten auszustrecken und sein spärliches Taschengeld für das Knabberzeugs auf den Kopf zu hauen, um es sich dann zu Hause vor dem Fernseher in den Rachen schieben zu können. Mit seinen Fettfingern wird er zufrieden, aber trotzdem einsam und traurig, da seine Eltern sich schon wieder gestritten haben und Mama sowieso den ganzen Tag arbeiten muss, die Fernbedienung unter Chipstüten, Colaflaschen und Schokoladenpapierchen hervorkramen und auf den Sportkanal umschalten um Wrestling zu schauen. Er wünschte, er wäre auch so stark wie die Muskelprotze im Fernsehen und könnte seinem Vater mal ordentlich eine reinhauen, wenn dieser wieder auf seine Mutter einprügelt.
Er schließt die Augen und steht wieder vor dem Kühlregal, mit den Joghurts und Milchschnitten, für die zwei starke und gesunde
Boxer mit ukrainischem Akzent Werbung machen.
Die Luft aus dem Kühlregal weht ihm kühl in Gesicht. In diesem Teil des Supermarkts ist es ruhig und nur das monotone Summen der Kühlaggregate stört die vollkommene Stille.
Doch nach ein paar Minuten wird es immer kühler und um den kleinen Max wird es plötzlich kalt, so eisig kalt.
So kalt, wie es in ihm drinnen eigentlich schon immer war.
So kalt, dass er nicht mal weinen kann.