Auch Soldaten dürfen weinen

21 01 2007

Der Schweiß rinnt in Bächen am pulsierenden Körper hinab, und der rote Staub kratzt die Atemwege unerträglich.
Das kalte Wasser der Dusche kann man auf der tauben Kopfhaut gar nicht spüren, bis es dann hinter den Ohren und am Hals entlang läuft, den ausgetrockneten Körper hinunterrauscht und an den Beinen als warme rotbraune Brühe in die Wanne prasselt und im Ausguss verschwindet.
Aber die Schmerzen verschwinden nicht. Auch nicht die Bilder, die sich in das Gedächtnis gemeißelt haben, und wie ein Kratzer in einer Autoscheibe dauernd das Blickfeld stören. Die Ohren hören im Plätschern des Wassers auf dem Plattenboden die Schreie der Menschen, die in diesem Krieg verloren haben, die Opfer der Logik, der Wahrscheinlichkeit, des Zufalls der sie getroffen hat, als Kugel aus einem automatischen Maschinengewehr.

Das klare Wasser wäscht die dunkelroten Wunden aus, unterstrichen durch ein abartiges Brennen, dass den ganzen Körper
durchfährt.
Übelkeit, Schwindel, die Augen wollen sich nicht mehr bewegen.

Fertig. Abtrocknen. Uniform wieder angezogen – keine frische, an ihr hängt immer noch derselbe Dreck wie heute morgen im Hinterhalt.
Noch 5 Minuten Ruhe. Play-Knopf gedrückt. Die Musik wirkt wie Balsam für die Seele und streichelt das zerrüttete Gesicht, bewegt es zu einem Lächeln, dass die verkrampfte boshafte zerbrochene Mimik wegzuwischen scheint, welches der Krieg dem Soldaten aufgeschminkt hat. Er darf nicht weinen, es stiehlt Konzentration und öffnet das Tor zu den Gefühlen, die man in seiner Situation nicht haben darf.

Dann geht es wieder raus, in die heiße Sonne, die so unerbärmlich auf den Stahlhelm brennt, egal wie stark die Kopfschmerzen und der Schlafmangel an den Nerven zehren.
Wenn das Lied vorbei ist und er seinen CD-Spieler in der Feldkiste verstaut hat, geht es weiter.

Dann wird er wieder töten gehen.



Weihnachten, mal anders

23 12 2006

Der Atem wird bei der Eiseskälte zu Wasserdampf, der vom warmen gelben Licht der Straßenlampen angestrahlt, in kleinen weißen Wölkchen in die Dunkelheit schwebend verschwindet.
Das alte Polster mit dem Tulpenmuster aus dem nicht verschlossenen Schrebergarten, dem er diesen Sommer einen nächtlichen Besuch abgestattet hatte, hielt die Kälte kaum von ihm fern und der kalte Wind ließ ihn schon seine Nase nicht mehr spüren.
Er strich sich über den schmutzigen Mantel und rieb sich die Hände, die in dreckigen und alten grauen Handschuhen steckten, die nicht mal bis über die Fingerkuppen gingen.

Familien, die vom Gottesdienst kommen, Menschen die fröhlich gestimmt sind und sich alle ein frohes Fest wünschen, schlenderten an seinem Plätzchen neben der Brücke vorbei.
Ihm wünscht keiner ein frohes Fest. Er hat schon ein paar Mal versucht, vorbeispazierenden Päärchen und alten Herrschaften mit seiner kratzigen Stimme ein “Frohe
Weihnachten!” entgegen zu halten, wenn sie ihn mit ihren missbilligenden Augen anblickten und sogleich wieder wegschauten.
Alle haben ihren Spaß und sind glücklich.
Und er? Er feiert dieses Jahr mit Jim. Jack war zu teuer und Johnny erst recht.
Jim hat es gut. Er hat es immer warm, selbst wenn die Glasflasche sich noch so gefroren anfühlt – sein Geschmack macht glücklich, seine Seele wärmt den Körper, wenn man ihn die trockene Kehle hinunterrinnen lässt und dabei die Augen schließt, um das Elend um einen herum nicht mehr ertragen zu müssen. Dann könnte man wirklich glauben, es sei alles wie früher, als er noch an Heilig Abend mit seiner Frau in trauter Zweisamkeit vor dem Weihnachtsbaum saß und er seinen Arm um ihre zarten Schultern gelegt hatte.

Wie sollte dies das Fest der Liebe sein, wenn sich nicht mal an diesem Abend jemand um ihn scherte?
Warum mochte ihn niemand? Konnte er etwas dafür, das seine Frau sich von einem Anwalt hat abschleppen lassen, der es vor dem
Familiengericht dazu brachte, dass sein Haus und seine Karre seiner Frau zugesprochen wurden?
Diese Egoisten lieben nur die Menschen, von denen sie auch geliebt werden. Ist das der Sinn dieses ganzen Festes?

Bloß nicht einschlafen bei diesen Temperaturen.
Zuvor lieber rüber zum U-Bahn Schacht, auch wenn es stinkt, aber warm ist warm.
Ja nicht einschlafen. Nicht einschlafen! Nicht einschlafen. Nicht einsch …

Er war eingeschlafen. Es wurde kälter und kälter und er schlief.
Eine Weile lang formte sich sein Atem noch weiterhin zu kleinen weißen Wölkchen, auch wenn sie nicht mehr so schön von warmem gelbem Licht angestrahlt wurden, denn die Straßenlampen waren um diese Zeit bereits ausgeschaltet.
Irgendwann in dieser Nacht entschied sich sein Herz mit dem Schlagen aufzuhören. Der Winter hatte seinen Kreislauf zum Stillstand gebracht.
Weihnachten hatte seinem Herzen in jeder Hinsicht den Ratschlag erteilt, lieber zu ruhen, anstatt weiterhin auf die Trauer um die eigene
verlorene Seele zu pochen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag musste ein altes Ehepaar auf seinem Morgenspaziergang den grausigen Anblick eines erfrorenen Menschens ertragen. Dabei hatte er doch so einen erlösten Ausdruck auf seinem Gesicht, beinahe ein Lächeln auf den Lippen.
Wilhelm war zwei Tage zuvor 58 Jahre alt geworden.

Ach, übrigens. Frohe Weihnachten.

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Elvis Presley – Are You Lonesome Tonight



Klick Klock

6 12 2006

Krankenhausgeruch. Den ganzen Tag. Nichts passiert.
Klick klock

Er könnte den alten Mann mit dem komischen Hut und dem zu großen Morgenmantel von jetzt an noch den restlichen Tag dabei beobachten, wie er diese drückende Stille durch sein quietschendes Geschaukel in dem überaus hässlichen Schaukelstuhl nur noch unerträglicher macht, wie sie eigentlich sowieso schon ist.

Er kann hier machen was er will. Nichts würde passieren.
Er könnte sich auf der Stelle vor allen ausziehen und den beiden alten Herren im Eck auf das Dame-Spielbrett pinkeln, oder wie ein Wilder mit Stühlen um sich werfen, mit seinen Fäusten die Wände bearbeiten und den Boden vollkotzen …
Klick klock … klick klock …

Was würde schon groß passieren? Nach ungefähr 20 Sekunden werden 2 Kerle in weißen Kitteln angerannt kommen – richtige Brocken, sie könnten ehemals Boxer gewesen sein. Die würden ihn dann niederknüppeln
und ihm eine ekelhafte Spritze in den Körper rammen. Sie machen das mit solch einer Routine, als wäre man ein Tier im Zoo. Mit diesen ekelhaften, unbarmherzigen Spritzen. Giftspritzen sind es. Werkzeuge die ein Eigenleben entwickelt haben, denn sobald sie in ihm drinnen stecken, dann entwickeln sie ein böses Ich und drücken einem das Gift nur so in den Körper, und er hört sie dabei scheppernd lachen.

Kein Ausweg exisitiert aus dem Ganzen, nicht einmal der Tod. Aus diesem süßen Schlaf würden ihn die gemeinen Spritzen wieder herausholen. Der Mensch hat ja ein Recht auf Leben, sagen sie.
Die sterile Welt um ihn tötet jeden Tag unwiederbringlich ein Stück seines Körpers, seines Lebens, seiner Seele.
Der Kampf gegen die allgemeine Verdummung ist schon lange zu Ende.
Es ist nur noch wichtig, dass er nicht vergisst zu Atmen.
Klick klock …

Vielleicht ist er gerade deshalb hier. Unter Umständen ist es vielleicht sogar besser als draußen, und auf jeden Fall besser,
als im Knast.
Aber das Beste wäre Sterben.
Doch sie lassen es ja nicht zu.

Der Mann in dem hässlichen Schaukelstuhl wippt immer noch vor sich hin.
Nach vorne, nach hinten, nach vorne, hinten, vorne, hinten …
Klick klock … klick klock … klick klock … klick klock …



Bruno

28 11 2006

Wenn flehende Augen brennen könnten – ihre Augen würden mit licherlohen Flammen bizzare Schatten auf die Tapete mit den Clowns und glubschaugigen Äffchen werfen.
Tränen waren zu ihrem zweiten Ich geworden. Sie wischte sie schon nicht mehr fort.
Nur Bruno fing sie auf. Bruno mit seinem braunen und weichen Fell. Schon immer hatte er diesen Waschmittelgeruch, den er nicht mehr los wurde, doch er gefiel ihr. Es war Brunos Geruch, so war Bruno. Sein Geruch änderte sich nicht. Auch nicht die runden Augen aus Glas oder der eingenähte Mund.
Sie konnte ihn immer in den Arm nehmen.

Wie Mama und Pappa, als ihre Mutter noch manchmal ihren Teddy in die Waschmaschine gesteckt hatte. Die Kleine konnte ihn für diese Zeit entbehren, denn schließlich würde er danach wieder so frisch und süß riechen – so wie sie es mochte.
Früher wurden die raren Tränen die Bruno aufzufangen hatte noch ausgewaschen. Jetzt, wo es noch mehr Tränen geworden
waren, wurde das Kuscheltier diese vielen Zeugen von Trauer überhaupt nicht mehr los.

Es tat ihrer Freundschaft keinen Abbruch.
Irgendwann würde sie mit Bruno zusammen die Koffer packen. Sie würden mit dem Zug über die Berge fahren, weit weg.
Vielleicht würden sie sogar heiraten, im Teddybärenland.
Vielleicht.

Da krachte es im Wohnzimmer. Sie stritten wieder.
Von Angst und Verzweiflung gepackt umklammerte sie wieder Bruno und versteckte sich unter der Bettdecke.

Bruno würde diese Nacht wieder viele Tränen auffangen müssen.



Vaterlandstreu und andere Missverständnisse

18 11 2006

Sichtbar von Ehrfurcht paralysiert, blicken die Kinder den Soldaten in seiner zerfetzen Uniform mit staunenden Augen an.
Währenddessen schwingt der Ortsvorsteher große Wörter, die den Krieg als knapp gewonnen und doch eigentlich ganz angenehm darstellen – die Sorgen und Qualen müssen bei der Zivilbevölkerung teilweise erschütternder gewesen sein, als bei den Frontsoldaten des Komiß.
Die Gefallenen liegen friedlich unter der Erde, unter blumenbesprießten Hügeln, während ihr Helm auf den Mahagoniholzkreuzen thront.

Nein, der Soldat hält seinen Mund. Würde ihn überhaupt jemand von diesen Zvilistenkamelen ernst nehmen und nicht einfach als Hochstapler darstellen, wenn er erzählen würde, wie es wirklich war? Die Bürohengste mit ihren Säbeln und Abzeichen, denen noch nie der Dreck des Todes in den Schützengräben in die Nase gesteigen ist, wissen gut die großartigsten Formulierungen zu wählen, wenn es um die Helden des Krieges
geht.

Doch diese Helden, mit deren Taten man sich volmundig selbst belobigt, starben quallvoll und unnütz über mehrere Stunden, verheddert im Stacheldraht, darauf krampfhaft bedacht die eigenen Eingeweide wieder in den Bauch zu stopfen.
Der Bruder im Unterstand nebenan verschwand plötzlich vom Schlachtfeld, wenn sich der Unterstand durch eine gegnerische Granate in einen brennenden Haufen Dreck und Holz verwandelte.
Doch sie verkniffen sich die Tränen. Sie helfen den Toten auch nicht mehr.

Der Ortsvorsteher erörtert immer noch mit dem Fabrikbesitzer die Poltik, die doch ihr bestes getan hatte.
Er betonte wie siegreich “wir” doch waren.

Der Soldat erhebt sich und geht. Es wird ihm zuviel.
Keiner blickt ihm hinterher.

[Inspiration]



Verbranntes Leben

23 10 2006

Als er seine Augen öffnete blickte er in den blauen Himmel. Eine Baumkrone ragte in sein Blickfeld. Er konnte kaum etwas hören, nur ein leisen Rauschen und Zwitschern. Alles klang dumpf, wie Gespräche im Nachbarzimmer. Er versuchte sich aufzusetzen. Es ging und er verspürte Schmerzen. Sowie er an sich herabblickte, sah er seine angesengte, doch größtenteils schwarze, verkohlte Uniform. Die klaffende Platzwunde an seinem Kopf war schon eingetrocknet und war verklebt mit Schmutz und Asche. Sein Atem rasselte, doch das konnte er nicht hören. Er war nun fast taub.
“Das würde sich geben, würde man ihm mit Sicherheit im Lazarett sagen”, dachte er während er auf einen Helm blickte der neben ihm auf dem Boden lag. Die Aufschrift: “Born 2 Kill”.

Er war in einem flachen Krater, umringt von Dreck, Blut und Uniformen mit Menschen darin.
Der Luftangriff war daneben gegangen. Man hatte letzte Nacht auf ihre eigene Position gefeuert. Es war
jetzt früher Morgen und er wunderte sich, wieso er überhaupt noch lebte.
Er stand auf und spürte den Schmerz der vielen Prellungen und Verbrennungen.

Komischerweise war er aus einem unerfindlichen Grund gut gelaunt und blickte auf den toten Vietcong, dessen dunkle und leere Augen, wie die eines übergroßen, toten Käfers, einen Baumstumpf anstarrten, das Gesicht weiß von der Asche.
Die Menschen um ihn herum waren entweder verbrannt oder erschossen worden.
Ein kleiner Bach plätscherte an dem breiten Loch vorbei, welches die Splitterbomben zwischen die riesigen verkrüppelten Bäume gerissen hatten.

Langsam humpelte er im Kreis.
Vor ihm lag eine ramponierte Kalashnikov mit verbranntem Griff. Er hob sie auf. Sie war noch geladen und entsichert. Langsam erhob er die Waffe in die Luft und feuerte einen Schuss ab.
Nichts.
Nicht einmal Vögel flatterten aus dem Unterholz.
Die toten Vietcong und der alte Barnes aus seinem Zug, die ihre Gliedmassen teilweise verrenkt in die
Luft streckten oder mit dem Gesicht zu Boden lagen, rührten sich kein bisschen. Er schoss noch einmal.
Nichts.
Im Dauerfeuer entleerte er das Magazin in die Blätterkrone eines Baumes.
Immer noch nichts.

Er könnte hier tun was er wollte, es würde nichts passieren. Keine Konsequenzen, keine Ergebnisse. Er fühlte sich in diesem Moment unsterblich.

“Die Welt hasst dich. Sie ist nur so höflich es dir nicht ins Gesicht zu sagen. “, dachte er sich und blinzelte.
Er setzte sich auf einen kleinen Felsen der aus den aufklaffenden Eingeweiden des Dschungelbodens ragte. Er wartete und beobachtete die Toten und schien darauf zu warten, dass sich einer von diesen erhob, auf ihn zuging und sich zu ihm setzte.
“Ich sollte mich auch n bisschen hinlegen, Jungs”, sprach er laut. “Weckt mich wenn’s weitergeht, ich will nicht im Schlaf von irgendwelchen blutrünstigen Nordvietnamnesen erstochen werden.”

Er legte sich neben den alten Barnes, klopfte der Leiche auf die Schulter, und
schloss die Augen.



Reisen und Abenteuer auf Kanal 7

8 10 2006

Er setzte sich auf das Sofa, schenkte sich einen Scotch ein und begann eine seiner Geschichten zu erzählen …

Nun, ich kannte diesen Mann schon lange und er kannte mich seit meinen Kindheitstagen. Er wurde zunehmend schwächer, und mit 70 Jahren bewegte er sich kaum noch aus seiner Wohnung. Meine Besuche nahmen ab, denn ich entdeckte in diesem Alter den Spaß am Feiern und am anderen Geschlecht.
Ich lief noch öfters an seinem kleinen Haus mit dem großen Garten vorbei und bekam jedes mal ein schlechtes Gewissen, aber brachte es doch nicht über das Herz bei ihm zu klingeln und einfach nur mit ihm zu reden.
Jedesmal wenn ich vorbeiging, sah ich seinen Hinterkopf am Fenster und das Flimmern das Fernsehers, das jeden Abend und jede Nacht den schwarzen Asphalt erhellte.
Der Garten wurde immer ungepflegter und die Buddhastatuen und fremdländischen Skulpturen setzten Moos an.
Verwunderlich wirkte dies auf mich, so hatte er
doch zu früheren Zeiten seine Mitbringsel immer gehegt und gepflegt.

Es kam so, dass ich zu jeder erdenklichen Uhrzeit, zu der ich an seinem Haus vorbeilief, das Flimmern seines Fernsehers erkennen konnte.
Sein Hinterkopf warf einen riesigen Schatten auf den Gehweg. Er saß wohl tagtäglich in seinem Lieblingssessel am Fenster und schaute Fern. Vielleicht die Reisesendungen von denen er immer so geschwärmt hatte.

Am Morgen eines nebligen Dienstages war aber alles anders wie sonst. Als ich am Haus vorbeischritt stand ein großer langer schwarzer Wagen vor der Tür, daneben die alte Frau Lieblich mit ihrem Damenrad.
“Ach, junger Mann. Es ist kaum zu glauben. Sie haben ihn gefunden, weil die Nachbarn durch die Fliegen und den Gestank auf ihn aufmerksam geworden sind.” Verwirrt schob sie ihr Rad weiter den Gehweg entlang.

Sie mussten ihn aus seinem Sessel herausschneiden, so schlimm war es schon. Der Kühlschrank glich einem Zoo. Doch der Rest der Wohnung hatte sich nicht verändert,
nur eine dünne Staubschicht hatte sich auf alles gelegt und bedeckte die ganze Wohnung wie der erste Schnee im Winter die Landschaft.

Später erfuhr ich, dass in seinem Fernseher Kanal 7 lief. Der Reisekanal von dem er immer so geschwärmt hatte.
Einsam hatten seine toten Augen ein knappes Jahr auf die Mattscheibe gestarrt, hinter der sich die ganzen Orte verbargen, die er noch so gerne besuchen wollte.

Vielleicht hätte er es so gewollt.



Die Liebenden

27 09 2006

Sie saßen beide so glücklich da. Sie hatten sich nichts zu sagen, weil sie so fröhlich zusammen waren, dass jedes Wort überflüssig war, und allein der Blick in den Sternenhimmel alle Fragen beantworten konnte, welche den beiden Liebenden zu diesem Zeitpunkt auf dem Herzen brennen hätten können.
Er strich über ihre Haare und sie küsste seine Wange. Sie hätten sich stundenlang in die Augen schauen können, wäre ihr Leben so weiterverlaufen, wie es das jetzt tat.
Aber es sollte nie so schön bleiben, wie es eigentlich sein sollte. Der Weg zum ewigen Glück blieb ihnen versperrt und aus den Augen ihrer tropften kleine Tränen auf ihr weißes Abendkleid.
Ihre Tränen waren so klein, weil sie nicht mehr weinen konnte, so oft sie in den letzten Tagen geweint hatte.

Am nächsten Tage um diese Zeit würde sie allein und einsam wieder an diesem Ort sitzen und den gleichen Mond anschauen, wie er es tun würde, weit, weit, weit weg.

nVielleicht würde er nie zurückkehren.

Denn der Krieg ist gnadenlos und verschont niemanden – auch nicht die Guten.
Denn im Krieg gibt es keine Guten.



Herz aus Stein oder auch: Stein in Herzform

9 09 2006

Das Tapsen seiner kleinen Füße auf dem nassen Asphalt war nicht zu überhören. Es vermischte sich mit dem leisen Klacken der modischen Herrenschuhe, die zügig und zielgerichtet über den Asphalt gingen.
Der Mann der zu diesen Schuhen gehörte hatte es eilig. Viele Menschen haben es eilig, aber die Meisten haben einen guten Grund dazu. Sein Grund war jedoch einfach nur Feigheit.
Seine Ohren waren nicht etwa mit Watte verstopft. Es war sein Herz. Ein Stein auf dem Meeresgrund könnte nicht kälter sein, wie das Herz dieses gepflegten jungen Mannes, dessen edler Herrenanzug passte wie angegossen.

Der kleine Junge, zu welchem die tapsigen Füße gehörten, lief dem Mann immer noch hinterher.
“Bitte …”
Taubheit.
“Meine Mutter hat doch kein Geld.”
Er will nicht zuhören.
“Sie will die Schulden doch zurückzahlen, lassen sie uns doch in unserer Wohung bleiben, bitte!”
Er will weg von hier, wirklich eine schlechte Gegend,
wenn er so überlegte.

Endlich war er an seinem Auto angelangt. Beim Wegfahren glitt die Hand des jungen von der schwarzen Motorhaube und er blieb einsam am Straßenrand stehen. Die Sonne verschwand schon langsam hinter dem Horizont.

Derweil fuhr der Herr in seinem Wagen an den letzten Wohnblocks dieses Viertels vorbei, die wie kahle Bauklötze – Wohnmaschinen – in den schwarzvioletten Sternenhimmel ragten, in Richtung des hellerleuchteten Einkaufsviertel der Stadt.

“Mann muss einfach konsequent sein”, dachte er. “Arme Kinder, die hier aufwachsen müssen …”



Der Kampf

31 08 2006

So weit oben wehte ein kühler Wind. Hier oben war man allein mit den weißen Wolken und dem Himmel, auf alles konnte man hinabschauen. Eine kleine Amsel setzte sich auf den Antennenmasten und blickte in Richtung des Firmaments.

Das Motiv hätte so friedlich ausgesehen, wäre da nicht etwas Störendes im Bild. An der metallenen Kante des Flachdachs wehte um die Beine einer menschlichen Gestalt ein dünnes Sommerkleid, mit Blumen bestickt. Die nackten Füße sahen so bleich aus und die dunklen Haare flossen teilnahmslos über die Schultern einer jungen Frau. Die selbst zugefügten Schnitte an ihren Armen sahen so selbstverständlich aus, dass man es als Betrachter kaum wagt, daran Anstoß zu nehmen.

Der Kieselbelag des Dachs wirkte wie ein endloses Meer.
Sie sprach: “Im Kampf gegen die Tränen habe ich verloren.” Ihre Niederlage kullerte ihre Wangen hinab. Ein letztes Mal schaute sie auf die Welt unter sich, die Schuld trug an ihren
Schmerzen. Sie schloss die Augen.

Wie ergreifend so ein Moment für Unbeteiligte auch sein mag – der Aufschlag des menschlichen Körpers, eines Lebewesens, eines Menschen, aus solch einer großen Höhe, zerstört alle nur denkbaren Träume des Lebens.
Dass sie erst 17 war, störte die Betonplatten auf dem Gebäudevorplatz keineswegs.

Die kleine Amsel saß noch immer auf dem Antennenmasten. Langsam hob sie ihre Flügel, erhob sich in die Luft und verschwand hinter den weißen Wolken im weiten Himmel.

Liedtipp: Tillmann Uhrmacher – The Pride In Your Eyes (Martin Roth Remix)

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