Gleis 16

9 11 2008

Auf eine bestimmte Weise läuft es mir kalt den Rücken herunter, als der kleine dicke Mann im blauen Anorack mit dem schwarz glänzenden Schnurrbart am Bahnsteig auf der Bank neben mir seine Sebstgespräche unterbricht, um in seinen Schokoriegel zu beissen, und sich dabei so abartig grinsend und fröhlich dabei die Hände reibt, als hätte er vor, den Todfeind seines Lebens zu verschlingen. Er isst ihn, den kleinen Riegel, und es sieht ulkig aus, denn bei seiner Körpergröße wirkt der Riegel einfach unterdimensioniert. Dann spricht er weiter – zusammenhangslos – für mich.

Als er vorhin vor dem Snackautomaten stand und sich schwerfällig an ihm abstützte, starrte er mit einem angestrengten Gesichtsausdruck und zusammengekniffenen Augen auf die Auslage hinter der Glasscheibe, ganz eingenommen von diesem leblosen Automaten. Und er murmelte. Ich verstand es nicht, aber ich bin mir sicher er sprach da zu dem, den er neben sich
sah, bot ihm vielleicht an, ihm eine Tüte Bonbons zu spendieren, doch er bekam keine Antwort, denn neben ihm, da stand niemand.

Jetzt sitzt er immer noch erwartungsvoll die Hände reibend da und unterhält sich also mit jemandem, der gar nicht da ist. Mit sich selbst? Ist er selbst überhaupt noch existent in unserer Welt, oder hat er sich schon längst in seine eigene Welt geflüchtet?
Die wichtigere Frage ist aber eigentlich: Ist er für uns noch da?

Müsste er noch mit sich selbst sprechen, wenn er einen Gesprächspartner hätte? Wir suchen fieberhaft nach den Gründen und doch ist es uns egal.
Wer oder was macht Menschen zu Schatten ihrer selbst? Die Antwort ist einfach: es ist die Einsamkeit, die für die geselligen und behüteten Seelen schwer nachzuvollziehen ist. Die einen auffrisst, einsperrt in einem selbst, uns schwerfällig macht, und uns auch an den
kleinsten Halmen, dem kleinsten Schokoriegel festklammern lässt. Der Mann sitzt unter Menschen und doch ist er allein. Ich sitze eben ihm auf der Bank und doch bin ich nicht da.

Wir vergessen schnell, dass wir für den selbstgesprächigen Irren neben uns und die alte Frau mit dem Gehwagen ebenso verantwortlich sind, wie für uns selbst, und die, die wir besonders lieben, aber ganz besonders für die, die wir hassen.

Ich habe es nicht geschafft mit ihm zu sprechen. Warum? Vielleicht aus Angst. Aus welcher Angst? Aus der Angst, die aus dem resultiert, was unser Bild von solchen Menschen unser Leben lang geprägt hat. In solchen Menschen sitze das Böse – und selbst wenn man diesem mystischen Gedanken keinen Glauben schenkt, weil man sich für einen aufgeklärten und vernünftigen menschenfreund hält – machen es uns nicht Film und Fernsehen, Literatur und Gesellschaft immer wieder
vor, wie man “Irren” wiklich zu begegnen hat?

In uns lebt ein Bild von verrückten Kranken in der Gummizelle, gefesselt und fixiert um nicht sich selbst oder andere zu verletzen; nicht mehr oder nie dazu fähig gewesen in unserer Gesellschaft zu leben.

Doch weshalb sind sie so geworden? Weil wir es ihnen nicht einfach gemacht haben, sich dort zurecht zu finden. Weil wir sie in Kinderheime gesteckt haben, weil wir ihnen keine Aufmerksamkeit schenken, weil wir sie mit einem Euro für das Spielen der Quetschkommode abspeisen und weil wir meinen, mit uns selbst genug zu tun zu haben.
Ignoranz, Fremdschämen, Angst, Verrückheit. Das verbinden wir mit ihnen.

Doch was und wer ist wirklich verrückt?
Wir verstehen unter verrückt sein die Andersartigekit vom Rest der vorhandenen Arten von Existenzen. Wenn jeder mit sich selbst sprechen würde, wäre
dann der selbstgesprächige Irre noch verrückt?

Er sitzt jetzt im selben Zug wie ich, vielleicht, irgendwo. Und er wird mit sich selbst sprechen, bis jemand mit ihm spricht.

Oder solange, bis er nicht mehr sprechen kann.



Mal wieder Herbst, aber doch nicht wie üblich

6 11 2007

Jeder will wisssen, was du vor hast. Jeder will mit mir irgendwelche Verträge abschließen. Jeder sagt mir, ich solle mich dann melden, wenn ich wüsste was ich machen werde. Jeder meint, er hätte da was für meine Zukunft.
Nur ich habe keine Ahnung, was da werden soll. Die Zeit schreitet unbarmherzig weiter vorwärts, weder bösartig, noch bemitleidend, und der Saal um mich herum leert sich langsam. Sie vergeht einfach und frisst mich auf. Sie lässt mich in einer Welt von der Leine, in welcher mir eine große Anzahl an Türen offen stehen, was aber noch nicht heißt, das ich mir sicher bin, durch welche Tür ich gehen soll. Hinter mancher Türe leuchtet es hell, aus einer anderen tönt volles Leben und hinter manch anderer stochern meine Augen im Dunkeln. Mir ist klar, dass ich diesen Raum verlassen muss, doch habe ich noch nicht wirklich die Lust dazu, da mir wahrscheinlich noch nicht mal richtig bewusst ist, was das bedeutet.

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Die Bäume vor dem Fenster werden sich auch in den nächsten Jahren verfärben, doch wer weiß, was dann mit mir sein wird. So viele verschiedene Stimmen sind da, die mich rufen und führen wollen und doch kann ich keiner wirklich trauen, weil keiner in mich hineinschauen kann. Wie lange habe ich nicht darauf gewartet, endlich durch’s Ziel zu laufen, doch jetzt wo ich im Endpurt stehe, da sehe ich nun auch schon etwas um die Kurve hinter Zielgeraden.
Die Zukunft entzaubert sich selbst.

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Abfluss

23 10 2007

Die Tage verrinnen mit jedem Atemzug. In einem großen Schwimmbecken plantsche ich dabei herum, die Sonne im Nacken, im Gesicht und auf dem Kopf. Das Wasser läuft in den Abguss und verschwindet in den Tiefen des Abwassersystems, während sich meine nassen Arme an einen Wasserball klammern. Aller Sonne zum Trotze ziehen schon dunkle Wolken am Horizont auf, Wolken die vor einiger Zeit noch weißen verträumten und bauschigen Schäfchenherden glichen, sich jetzt aber zu Ungetümen verwandelt haben – Cumulonimbus! Der aufkommende Wind, er lässt mich frieren und treibt die Wolken vor den hellen Kreis am Himmel. Leise säuselt er über das Wasser und rauscht dann bedrohlich durch die Bäume deren tausend Blätter um ihr Leben rascheln. Der Ball wippt auf und ab. Meine Blicke fixieren das Handtuch, an dessen Spitzen der Wind schon zerrt und auch die herumwirbelnden Blätter, wie auch das Gras, das nicht mehr hellgrün zu meinen Füßen liegt, sondern eklig
kalt in dunkelgrün unbeweglich den Boden bedeckt. Vielleicht muss man so oder so im Regen stehen – aber doch nicht darin untergehen?
Romantiker bezeichnen Regen als die Tränen des Himmels. Verträumte Neurotiker hingegen sehen in ihnen einfach Wasser, das die Wolken da oben nicht mehr brauchen.
Regnet es schon?

Quelle: www.noaa.gov



Zeitvertreib Patentrezept

8 02 2007

Parties sind da, um zu trinken, denkst du, und spürst ein weiteres Bier auf deiner Zunge prickeln. Wodka Kirsch, Wodka Orange, Wodka dies, Wodka das, Birnenschnaps vom Hause, Bacardi Cola, Chantré pur, es wird immer wärmer um deine Ohren und deine Unterhaltungen immer angeregter. Du kannst deinen Blick gar nicht vom Gesicht und den wunderbaren Rundungen deiner Partybekanntschaft wenden, bis sie etwas für dich unverständliches murmelt und einfach verschwindet, im Pulk der Leute, wovon du kaum jemanden kennst. Doch du trinkst weiter und vergisst die Sorgen der Woche, die Menschen die dich ankotzen, die du hasst, und die dich hassen, und auch die Pflichten, die dir zum Hals raushängen. Hier bist du zu nichts verpflichtet, außer gut drauf zu sein und den Kasten Bier leer zu machen.
Irgendwann stehst du auf und schwebst durch die warme Helligkeit, die wabernde Wolke aus Stimmen und Musikfetzen, zwischen den Leuten hindurch, mit wunderbaren
Pirouetten und Wendungen, wie ein Engelchen an seinem ersten Tag im Himmel, und schlängelst dich auf die Terrasse, um dir eine Kippe anzuzünden. Friedlich und fröhlich nimmst du einen tiefen Zug, und saugst den Tabakrauch in deine Lungen. Keine Gedanken an den Sinn des Daseins, keine stechenden Sorgen im Hinterkopf, nichts zu tun, gar nichts, Ruhe in deinem Schädel, vielleicht etwas Musik aus den schepprigen Lautsprechern von drinnen. Nun bist du fröhlich, so glücklich und so besoffen. Wie schön das Leben doch sein könnte, denkst du dir, wenn man nicht denken könnte, und hast zu diesem Zeitpunkt schon lange vergessen, was du vorhin schon alles eingeworfen hast.
Das Einzige, was dich jetzt stört, ist die Tatsache, dass du morgen früh sicher auf einer unbekannten Couch aufwachen wirst, in einer Wohnung, deren Besitzer dir genauso unbekannt ist, wie der Parfumgeruch, der zusammen mit dem Schweiß und Rauch von gestern an deiner Haut klebt, in einem Stadtteil, der dir völlig fremd ist, ohne Geld
für einen Bus, mit dem du nach Hause fahren könntest, mit verschmiertem Lippenstift auf deinem neuen Hemd, von dem dir ganz und gar schleierhaft ist, wo er herkommen mag. Es stört dich glücklich zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass du dies alles sehr bald schon wieder vergessen haben wirst.
Man lebt für den Moment, denkst du dir, let it be, my darling, die Welt ist ein einziger Scherbenhaufen, der jeden Tag zusammengekehrt wird und in welchen man tags darauf aus unerfindlichem Grund wieder hineinstolpert, obwohl du
gar keine Glasflaschen im Kühlschrank zu Hause stehen hast.
Da fällt dir ein, dass du noch Einkaufen musst, um kurz nach 2 Uhr nachts, und findest dich eine halbe Stunde später wieder, mit verheulten Augen, klopfend und sabbernd an der Glastür eines Supermarkts, weil dir niemand aufmachen will, obwohl dort drinnen doch noch das Licht an ist.