Menschenmenge

29 09 2007

Siehst du den grauen Himmel? Hörst du das weite, tiefe und beruhigend leise Rauschen des kalten Windes und der pulsierenden Stadtautobahn? Langsam die Brücke hinunter in Richtung Bahnhof trabend, alles menschenleer und in einem glasklaren Grau, messerscharf gezeichnet, wandelt sich das Rauschen zu einem tiefen Surren. An den verklebten Tasten des Fahrkartenautomates frieren fast die Finger fest.
Kurz nach der morgendlichen Rush-Hour, da wirkt die S-Bahn mit wenigen Fahrgästen so unglaublich groß, wenn dann die morgendliche Sonne leicht geblich über die ausgeblichenen Stoffsitze streicht und die verrosteten Waggons hinter den Fenstern anstrahlt. Die Köpfe und Oberkörper der wenigen Fahrgäste wackeln müde und passiv mit dem Rythmus der Schienen.
Aussteigen. Diese warme, stickige und trockene Luft, die durch S-Bahn-Schächte weht ist durchsetzt vom Geruch der Menschen um mich herum. Nach zwei Schritten durch die Wagentüre verschwinde ich in
der Menge und bekomme endlich ein sicheres Gefühl, so als ob man bei einsetzendem Regen in letztem Moment noch einen trockenen und warmen Unterstand gefunden hat. In wenigen Augenblicken zu einem mit der Menge verschmelzen, anonym, nicht zu entdecken, verschwunden für alle, entbunden von allem – ein eigenartiges Gefühl.



Hochglanz perfekt

20 06 2007

High-Definition. Hochqualitativ. Maximalästhetisch. Perfekte Blicke, perfekter Look, prefekte Welt. Alle Natürlichkeit durch perfekte Formen abgetötet. Neutral und ohne Aussage. Einfach so, zum “Schön-finden”.
Ein Engelsgesicht hat sie, sich einfügend unter der prangenden Überschrift in großen Lettern, preist mit ihrer Anwesenheit auf dem Hochglanzpapier den Inhalt an. Dort lächelt sie verführerisch in unsere traurigen Gesichtern. Unerreichbar ist sie unter der kühlen Oberfläche, auf welcher wir mit unseren Fingern höchstens fettige Fingerabdrücke hinterlassen können.
Nein, für diese Welt sind wir nicht perfekt genug. Das sagt sie dir mit ihrem Grinsen, dieses wunderschöne Geschöpf.

Nur dumm, wie sie alle gleich enden.
Das Deckblatt des Magazins flattert wehrlos und zerknittert, umgeben von Pappbechern mit eingetrocknetem Kaffee, im warmen Wind, der auch nichts mehr retten kann.
Kein Hochglanz mehr. So liegen sie da.
r
Im Mülleimer.



Sommerregen

7 06 2007

Bedrohliches Rumpeln kündigt an: Die Wolken verrücken ihre Möbel.
Sie machen dem Wind Platz. Soeben hat die Sonne das Bett noch in schüchternes Gelb getaucht, nun schwindet das Licht hinter den Wolken und die Tapeten wechseln mit dem Himmel die Farbe.
Es ist jedes verflixte mal das Selbe mit dem Sommer – er geht so schnell vorrüber, jedesmal schneller. Im schulischen Frühjahrsstress jagt man in Gedanken seinen Sommerträumen nach, einer unbeschwerten Zeit, die bald kommen wird. Dann fängt sie ganz unmerklich an und man verlebt unwiederbringbare Tage.
Warum kann ich nicht einfach in diesem Sommer steckenbleiben? Alles macht glücklich. Die Erlebnisse, die Freunde und Menschen die man kennenlernt, die Musik, das Essen, das Wetter, das Netz, der Kühlschrank, die Familie, die Menschen – das Leben.
Man ist das komplette Leben damit beschäftigt zu versuchen, das Leben und seine Erlebnisse festzuhalten, bis man sich auf dem Totenbett
wiederfindet.
Kann man zufrieden sterben? Ich denke nicht. Soviel wird sich bis zu meinem Tod nicht ändern. Wie sagte der alte Rentner doch, der unter uns wohnte: “Ich bin alt, kann mich kaum noch bewegen, aber trotzdem lebe ich doch noch gerne …”

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