Superbia

26 09 2008

pride_-_jacob_matham

Superbia (lat.): Selbstsucht
Übermut, Eitelkeit, Ruhmsucht, Hochmut
LUCIFER

“Nein! Ich will das nicht und ich will mich damit auch nicht abfinden, verdammt, NEIN!” Er zog die kalte Luft in seine Lungen und hob den Kopf. “Warum muss ich der sein, der trauert? Warum muss ich die beerdigen, die ich liebe; mein ein und alles, den Grund meiner Existenz … warum ich? Meine Liebe … mein Leben; es – es ist nicht fair!”
Er klammerte sich zitternd an den aus dem Boden ragenden weißen Marmor, biss sich auf die vertrockneten Lippen, die Tränen
über sein verbissenes Gesicht weinend, die ihre gewohnten Bahnen flossen in ihren von Pfaden tiefster Trauer und Verzweiflung gezeichneten Gesicht. Er schrie, und er schrie und er schrie weiter, nach der Frau, der er sein Herz geschenkt hatte, um mit diesen Schreien die Löcher zu füllen, die ihr viel zu früher Fortgang in ihm hinterlassen hatten. Doch es war niemand weit und breit zu sehen zwischen Grabsteinen, Stiefmütterchen und frischen Lilien, und die Linden des Friedhofs hatten für Klagen solcher Art nichts weiter übrig, als Ignoranz. Sie blicken nicht mitleidig auf die traurigen Gräber und Menschen nieder, nein – sie stehen dort einfach, auch wenn dass niemand wahrhaben will.
“Ich liebe sie! Ich liebe sie mehr als mein eigenes Leben! Und du bist der Schuldige – du bist der Täter, der Mörder – der Vater, der seine Kinder im Brunnen ertränkt – der missratene Schöpfer, der uns einsam sterben lässt!”
Die Augen gefüllt von unvorstellbarem Zorn streckte er mit unbändiger Kraft seine
geballte Faust hoch zu den Wolken, die so friedlich ihre Bahnen im Äther zogen, wie die Linden schon seit Jahren und Jahren neben den Grabsteinen unbeeindruckt von allem Leid stehen, welches sie dekorieren.
“Die Macht über Leben und Tod liegt in deinen Händen und du zerrst und reisst daran, ohne die Rücksicht darauf, was du Dabei zerreisst – Leben zerstörst! Bist du jetzt zufrieden? Du sollst mich geschaffen haben? ”
Sein Schreien hätte alle Vögel auf den Linden verjagt, wenn welche dort gewesen wären, und diese Einsamkeit tat der Gleichgültigkeit dieser alten Bäume keinen Abbruch. Er richtete seinen Blick zur Sonne.
“Heute schaffe ich mich selbst neu. Ab heute werde ich dich ablösen, wie auch immer du dich nennen magst. Ab heute werde ich der neue Herrscher über Leben und Tod sein! Ich werde GOTT sein!!”
Er blickte vor seinem Gang in eine Zukunft voller Erbarmungslosigkeit und Rache noch einmal auf das Grab seiner verstorbenen Frau, doch was er nun empfand, das war nicht mehr
dasselbe wie früher – die Trauer eines verwitweten Ehemannes – sondern der hemmungslose Hass auf alles Schöne, Glückliche und Lebendige in dieser Welt, was alles in seiner Verachtung stand und er als schlecht und lebensunwürdig empfand, vom Säugling bis zum Greis. Nur er empfand es nun als gerecht, sich als göttliche Gegenleistung für sein eigenes Leid selbst zum Herrgott zu machen. An diesem Tag nistete sich der Gedanke in ihm ein, dass es weder Gut noch Böse gab in dieser Welt, sondern nur einen Kampf zwischen dem Mensch und seinem Schöpfer.