Беларусь !

20 09 2008

Wer sieht sich selbst nicht gerne als unkoventioneller Blogger? Bei mir selbst kann man diese Unkonventionalität vielleicht darin beschreiben, dass ich in diesem Blog Gedanken veröffentliche, die einen Sachverhalt, ein Erlebnis oder ein Gefühl im Detail beschreiben und nicht die ausschweifenden Alltagsbeschreibungen und Reiseberichte sind es, die hier ihren Platz finden. Doch nun habe ich mich trotzdem dazu entschlossen, über meinen dreiwöchigen Trip nach Weissrussland einige Gedanken zu verlieren, wenn auch mit einiger Verspätung.

Zu Beginn ein kleiner Gedankenanstoß: Ich bin mir sicher, dass über die Hälfte der Leser dieses Artikels sich nicht darüber im Klaren sein werden, in welchem Land Tschernobyl liegt, geschweige denn davon, dass der radioaktive Niederschlag, der durch das dortige Reaktorunglück entstand, gar nicht dort auf Erde, Tier, Natur und Mensch niederging, wo der Vorfall stattfand, sondern in einem Nachbarnland, von dem noch mehr Leser nicht wissen werden, dass es seit der Auflösung der Sowjetunion ein eigenständiges Land ist, welches nicht zu Russland gehört. Беларусь, Belarus, Weissrussland.
Man denkt, in den seit April 1986 verseuchten Gebieten würde sowieso keiner mehr wohnen, die Menschen seien doch alle evakuiert worden. Und selbst wenn – der Vorfall in Tschernobyl ist doch schon bald 25 Jahre her. Das Raffinierte an der Sache ist, dass eben dies die Politik der betroffenen Länder geschafft hat, in den Köpfen der Menschen – nicht nur im eigenen Land – zu etablieren. Doch hier geht es um Halbwertszeiten von über 2000 Jahren und es halten sich dort immer noch Menschen auf, wohnen dort, leben dort, essen dort und bekommen dort ihre Kinder. An Umsiedlung ist bei der desaströsen finanziellen Lage des Landes nicht zu denken, und offiziell gibt es dort auch keine
Statistik, die von Strahlenopfern spricht, was sich ins Schema der totalen Desinformation durch den Staat nahtlos einfügt. So ist es für die Betroffenen ohne Hilfe durch Dritte unmöglich, in unverstrahltes Gebiet zu ziehen und ihrer Familie dadurch trotz der schon vorhandenen Erbschäden eine Zukunft in einer gesunden Umgebung bieten zu können. Neben fehlenden oder verkrüppelten Gliedmaßen, offenen Rücken bei Neugeborenen und natürlich Krebs, vermindern strukturelle und wirtschaftliche Probleme drastisch die Lebensqualität der Menschen in den betroffenen Gebieten.
Der Verein Heim-Statt-Tschernobyl e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Menschen zu helfen. Mithilfe von Freiwilligen aus Deutschland und Belarus werden auf gesunder Erde zusammen mit den Betroffenen Häuser gebaut, die von Spendern aus Deutschland finanziert werden. Im August nahm ich für 3 Wochen an solch einem Workcamp teil, welches allerdings nicht nur den Bau des Hauses
beinhaltete , sondern auch die persönliche Begegnung und Aussöhnung mit der belarussischen Bevölkerung bezweckt.

Belarus - Haus

Unsere genau Aufgabe war es, zusammen mit den zukünftigen Besitzern des Hauses und weissrussischen Studenten und Freiwilligen, die Wände der Häuser zu füllen. Dies geschieht nicht wie üblich mit Stein oder Beton, sondern mit einer Masse aus Lehm, Wasser und Holzhäckseln, was zwar sehr ökölogisch, energieffizient und recht preisgünstig für diese Art von Häusern ist, aber viele Hände braucht, da diese Vorgänge in dieser Form nicht maschinell möglich sind. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Bei den fertigen Gebäuden handelt es sich nicht um kleine Lehmhütten, sondern vollwertige Lehmhäsuer, die auch den widrigen belarussischen Wintertemperaturen von über
-30°C Widerstand gebieten. Ich war während der hauptsächlichen Bauarbeiten am Mischer tätig, der dieses Gemisch für die Wandfüllung herstellte.
Die Landschaft und Natur Weissrusslands ist geprägt von Landwirtschaft und Unberührtheit.

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Da ich sehr oft mit dem Fahrrad zwischen der Stadt und dem Dorf unterwegs war – meist in der Abenddämmerung – konnte ich diesen Traum aus grün und blau ausgiebig bestaunen. Das Telefonieren wäre mir mit dem Mobiltelefon möglich gewesen, doch bei Minutenpreisen von 3 € greift man dann lieber auf die Telefone in der Post zurück, mit denen man für umgerechnet 6 € über eine halbe Stunde nach Deutschland telefonieren konnte.

Belarus - Landschaft

Apropos Dienstleistung: Bei der Einhaltung ihrer Pausen sind die Weissrussen sehr genau. Es kann also schon mal vorkommen, dass einem die Dame am Post-, Telefon- oder Bankschalter mitten im Gespräch das Sprechfenster pünktlich zur Pause zuknallt. Sehr amüsant.
Neben der Arbeit standen auch Ausflüge in die Hauptstadt Minsk, die Geburtsstadt Chagalls Vitebsk und zu Mahnmälern des 2.Weltkrieges auf dem Programm – einem Krieg, der Weissrussland zugesetzt hat, wie kaum einem anderen Land. Es war nach dem Krieg nahezu komplett zerstört; die großen Städte zerbombt und beim Rückzug der Front wiederrum überrollt, und hunderte von Dörfern von der SS niedergemacht, die Menschen abgeschlachtet. Auch schon im Ersten Weltkrieg zog sich die Frontlinie durch Belarus. Ein Land, welches immer zu leiden hatte, vielleicht kann man sogar sagen: ein Land der Opfer. Momentan kann man jedoch sagen, dass es
wirtschaftlich trotz grauenhafter Inflation (1 € = ca. 3000 Rubel) in diesem Land aufwärts geht. Die Menschen spüren das, wodurch sich die breite Unterstützung erklären lässt, die der Präsident auf Lebenszeit Aljaksandr Lukaschenka im Volk geniesst. Für Teilnehmer des Camps, die schon vor mehreren Jahren das Land besucht hatten, war dieser Aufschwung deutlich sichtbar: mehr Autos und weniger Pferdefuhrwerke, mehr Restaurants und ein bisschen mehr vom Rest der Welt in einem Land, dessen Regierung sich zugleich von Russland im Osten und Europa im Westen abschotten möchte.

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Eine sauberere, geordnetere und aufgeräumtere Stadt als Minsk habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Auch nicht im Fernsehen oder in Reiseführern. Keine Graffitits und Schmierereien, keine Obdachlosen
und Bettler (bis auf ein paar alte, vom Leben gezeichnete und bucklige Frauen, die Babuschkas, denen man gerne etwas zusteckt) und wenig Straßenverkehr. Die Vororte sind zugepflastert mit sowjetischen, geschmacklich diskutabel konstruierten Plattenbauen.
Geheiratet wird Samstags, was zur Folge hatte, dass wir bei Besichtigung der Träneninsel, einer Insel mit vielen Denkmälern, ungefähr 40 Brautpaare zu Gesicht bekamen, die traditionell an den Gedenkstätten Blumen niederlegten. Ach übrigens, in jeder Stadt steht mindestens eine Lenin-Statue, meinem Urteil nach im ganzen Land überall das gleiche Modell, zumeist auf dem Leninplatz, der auch in jeder etwas größeren Stadt zu finden ist. Die größte Statue muss wohl die vor dem Regierungspalast sein.

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Menschen und Sprache haben
ihren ganz eigenen Charme. Was mich sehr beeindruckte war, dass nicht über alles gemeckert und drumherum geredet, sondern einfach gemacht wird. Das hat zwar seine Vor-und Nachteile, aber macht auf jeden Fall anpassungsfähiger und sympathischer. Wenn man Fremden begegnet, können die etwas ruppig sein, wenn man die Menschen jedoch näher kennenlernt, dann werden einem überaus gastfreundliche Menschen begegnen, was wir auch bei unseren Gastfamilien erfahren durften, welche die schon fertigen Häuser bewohnen.
Was mich in diesen drei Wochen jedoch am meisten fasziniert hat, war die Mischung von Menschen verschiedensten Alters, verschiedenster Biografie, Herkunft und Charakters im Camp. Ich habe mich mit Leuten im Rentenalter unterhalten, als wären sie in meinem Alter, habe vom Friedensaktivisten, über den Landwirt bis zum Bundeswehrfeldwebel mit den verschiedensten Menschen zusammengearbeitet und mit jungen Weissrussen Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen.

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Sobald man in einem Land wirkliche menschliche Begegnungen gemacht oder sogar Freunde gefunden hat, dann beginnt man über diesen Flecken Erde auf eine ganz andere Art zu reflektieren. Normalerweise sind Spätsommer für ihre milden Temepraturen bekannt, doch gerade zu solch einer heißen politischen Zeit, in welcher wir in diesem Herbst stecken, wird einem dann bewusst, dass die Grenzen zwischen Ländern in keinem Fall die Grenzen zwischen den Menschen sein, und auch niemals werden dürfen!
Weissrussland, dass aufgrund seines politischen Systems und seiner Partnerschaften politisch und wirtschaftlich weitgehend isoliert ist, einer “Achse des Bösen” zugehörig zu bezeichnen, ist schlicht eine beschämende Beleidigung für die Menschen in Belarus. Aus diesem Grunde macht mir die momentane Krisenstimmung im Osten Angst,
denn die Vergangenheit, selbst die jüngste, hat gezeigt, wie schnell Krieg entstehen kann, Nationen zerteilen, Menschen trennen und Leid über sie bringen kann.
Wir werden sehen …



Urlaubserkenntnisse

24 05 2008

Das Einzige was Menschen untereinander verbindet, das sind weder Namen und Nationen, noch Symbole oder Religionen, sondern es ist die Barmherzigkeit, dem anderen zu geben.

Zu dieser bitteren Erkenntnis kommt man gezwungenermaßen, wenn man eine Woche in einem sich im Aufbau befindenden Party-Mekka an der Schwarzmeerküste zwischen ‘Steak house’, ‘cheap pizza’, ‘barbeque’ und ‘here happy hour now!’-Schildern die Sterne am Himmel vor lauter Leuchtreklame nicht mehr erkennen kann. Der Strand war nachts so gut wie Sperrzone und sich auf die Strandliegen zu legen war der größte anzunehmende Sündenfall, denn schließlich muss man für diese tagsüber 7 Leva pro Stück berappen. Die Schuhe, Kleider und Uhren an den selbst zusammengezimmerten Ständchen waren auf Nachfrage natürlich “original” und der Wodka an der All-Inklusive-Bar im ‘young and fun’-Hotel natürlich nicht gestreckt.
Dem absurdesten
Gefühl jedoch, dem unterlag nicht nur ich allein, als es eines Mittags zum Paintball-Match außerhalb des Hotels ging. “Gotcha” oder wie man es sonst nennen mag – dieses Spiel eben, wo man sich mit Farbkugeln abknallt. Nachdem uns ein klappriger Bus über eine Landstraße vorbei an einer verfallenen Fabrik zur Location gekarrt hatte, deren Beschaffenheit so schlecht war, dass man nicht schneller wie 40 fahren konnte, staunten wir nicht schlecht, als der Veranstalter uns hinter einem heruntergekommenen Dorf auslud um uns seine selbstgebaute Spielfläche zu präsentierten: Eine am Hang liegende Wiese, bestückt mit selbst gebauten Deckungen aus Sperrholz, Autoreifen und Steinen. Schutzanzug – Fehlanzeige. Nur ein dünnes Ganzkörperkondom zum Schutz vor Farbe und alte Skimasken mussten reichen.
Was mich aber so nachdenklich gestimmt hatte, war nicht die Tatsache, dass die Anzüge wahrscheinlich noch nie gewaschen worden waren, was ihr Schweissgeruch zu verraten schien, sondern es waren die Kinder des
Dorfes die auf einem Dreckhügel nebenan warteten um während den Feuerpausen die nicht zerplatzten Farbkugeln aufzusammeln. Da bekamen einige von uns dieses Scheissgefühl. Und damit meine ich diese Ahnung, was man mit seinem hier erlebten Spaß eigentlich unterstützt und wen man in den Augen der Einheimischen darstellt.
Wir reiche Ur-Europäer reisen in ein von der Sowjetunion ausgebeutetes Land, wo die meisten Menschen nicht einmal ihre Häuser anstreichen können, mit Autos aus den 60ern herumgurken und von dem guten Willen der westlichen Urlauber abhängig sind. Und was machen wir? Wir spielen Krieg. Darf man da ein schlechtes Gewissen haben?
Um dem ganzen einen versöhnlichen Abschluss zu geben: A. wurde dermaßen zusammengeschossen, dass er seine morgendlich getankten Getränke hinter einem Haufen Reifen wieder verlor, B. beschoss andauernd seine eigenen Teamkameraden und lachte dabei teuflisch und Y. schoss N. fast ein Auge aus, der mir widerrum einige blaue Flecken auf dem Rücken beschert
hatte.
Einige farbige Zeugnisse dieser Gaudi folgen in den nächsten Tagen.



Mittelmeer-Blues

14 07 2007

Jetzt sitze ich nun da vor der Tastatur, habe eine gigantische Woche hinter mir und bin froh, dass ich so endlich wieder Inspiration gefunden habe, um die Seiten dieses Blogs mit Leben zu füllen. Bevor ich in das Loch falle, dass allen geilen Zeiten folgt, wenn noch immer die Stimmen der Freunde durch den Kopf geistern und man die Brandung rauschen hört, wenn man die Augen schließt – bevor dieser Emotions-Jetlag zu seiner Entfaltung kommen wird, werde ich von der letzten Woche erzählen, vom Mittelmeer-Blues.

Studienfahrt, Klasse 12, Gymnasium. Faules Pack im schulischen Endstadium auf dem Weg nach Süd-Italien, Piano di Sorrento ein paar Kilometer von der Millionenstadt Neapel entfernt.
Das erste erwähnenswerte Erlebnis waren die Hütchenspieler an einer Autobahnraststätte; traurig, wie viele Idioten sich noch immer ihr ganzes Urlaubsgeld abzocken lassen. 18 Stunden Busfahrt gingen an die Substanz, aber es hat sich gelohnt.
Neapel ist
ein kranke Stadt. Müll an jeder Ecke, eng stickig, dreckig, aber voll von Leben – ein lebendiger Pickel am Rande der italienischen Mittelmeerküste. Von Mafia und Kriminalität auf den großen Hauptstraßen keine Spur. Ein Hehler bot uns eine nagelneue Digitalkamera und einen teuren Laptop erst für 550 Euro, dann 400 Euro und letzlich 300 Euro an – wir lehnten jedoch dankend ab.
In der Stadt und der ganzen Umgebung sind Verkehrsregeln und Ampeln offenbar eine freiwillige Erfindung, an die man sich besser nicht hält, oft zumindest, wie unser erfahrener Busfahrer uns erklärt hatte. Jedes Auto sieht aus wie von Pariser Vorortjugendlichen vandaliert, und wenn die Parkplätze aus sind, dann parkt man einfach ein paar Spuren im fünfspurigen Innenstadtverkehr zu.
Wenn man die Mentalität der Neapolitaner beschreiben will, dann kann man das glaube ich so: Man baut etwas auf und lässt es einfach stehen. Wenn etwas kaputt geht, dann repariert man es nur, wenn man ansonsten etwas nicht weiterbenutzen
könnte.
Wenn der Vesuv ausbricht, sterben auf den Schlag 300.000 Menschen in der Region, Millionen werden obdachlos werden. So wie ich das sehe wird das die Bewohner der Gegend wenig stören, sie würden nach wenigen Wochen wohl wieder ihren Wochenmarkt abhalten.
Capri ist übrigens auch ein Muss. Die Bootsfahrt auf diese wunderschöne Insel brachte mich zwar dazu meinen Magen zu entleeren (viel war nicht drin), aber das wurde allein schon durch das Klippenspringen, die viertgrößte Yacht der Welt und Tom Hanks entschädigt. Er hat uns sogar zugewunken.
Mit D. und B. bin ich am ersten Abend am Meer gewesen und wir haben einem einsamen Hundchen ein Lied zur Melodie von “Angie” von den Stones gesungen.
Hundiii, Huuuuuuundiii, du bist so einsam und aha-allein.
Und einen Blues mit alkholdurchtränkter, schmetternder Stimme: Den Mittelmeer-Blues. Das Reglement sieht für diese Art von musikalischer Selbstunterhaltung folgendes vor: Eine billige Akusitikgitarre, eine frische Brise am Meer,
etwas Bier und die Füße in der kalten Brandung.
Ich werde diese Tage niemals vergessen. Wenn nicht wegen der Gegend und der Erlebnisse, dann wegen den Menschen, mit denen ich sie erlebt habe.



Feuchtes Erlebnis

3 07 2007

Vorweg: Die Überschrift ist ein derber Leserfänger; aber das, was wohl 90% der Menschen die diesen Satz lesen werden, mit obiger Überschrift assoziieren, entspricht sicherlich nicht den Erwartungen an den folgenden Text.

Der Regenjacke lag zu Hause. Da lag sie gut.
Es ergab sich so, dass sich die dunklen Wattebäusche vor die Sonne schoben, just zu dem Zeitpunkt an welchem ich mich unter freiem Himmel über unsere schöne Mutter Erde bewegte. Der Weg war nicht kurz, aber die Regentropfen in nicht geringer Zahl. Die Menschen um mich herum spannten ihre bunten Regenschirme auf, blinzelten durch den Regen und zogen ihre Nacken ein.
Ich schritt weiter durch den Regen, ignorierte ihn einfach. Um eine rettende Abkürzung zu nehmen, schlug ich den Weg über eine Wiese ein. So stolperte ich über das Grün, und der Wind brauste um meinen Kopf und schleuderte die kleinen Tröpfchen in mein Gesicht. Was ich sonst genervt aus meinem Gesicht
gewischt hätte, ließ ich einfach gewähren. Ich schloss die Augen, meine Füße gingen von allein, ich spürte den Wind und das lauwarm bis kühle Wasser, und wurde mit dem Regen eins.
Der Regen machte mich nicht mehr nass, ich war der Regen.
In solchen Moment schiesst einem durch das Bewusstsein, in was für einer schönen Schöpfung wir leben dürfen. Das muss jeder anerkennen.
Verwirrend allerdings ist, dass ich mir in der folgenden Nacht den Kopf über den Tod zerbrochen habe.



So, Herr Brandner, fahren sie mal bitte rechts ran

8 05 2007

Gedankenprotokoll:
Was? Oh Gott, bitte nicht!
Der mit dem Lappen in der Aktentasche:
“Sie sind mir eindeutig zu langsam gefahren, da fährt ja meine 80 jährige Oma schneller.”
Ahh, bitte nicht, das kann nicht sein.
“Ich habe normalerweise eine Engelsgeduld, aber sie haben es eindeutig überzogen!”
Bibber, bibber … Scheisse!
“Sie denken sie sind damit auf der sicheren Seite …”
Zustimmendes, unterwürfiges Nicken.
” … sind sie aber NICHT! Der Opel hinter uns wollte schon zum gefährlichen Überholen ansetzen!”
Kacke. Das kann jetzt aber nicht sein. Eine Welt bricht in sich zusammen.
“Nun, sie haben jetzt zwar bestanden, aber ich muss ihnen das eindrücklich klar machen, dass …”
Was? Habe ich da sowas wie ‘bestanden’ gehört? What ?!?
“Willkommen im Club!”
What the f*ck? Will der mich verarschen?
Nein, der schaut recht ernst, ich glaub er meint es auch ernst! Auch nur ein Mensch. :)
“Hier, den kriegen sie – halt – ich werde sie beobachten. 08.05.2009. Ich will sie davor nicht nochmal sehen müssen!”
Darauf kann er Gift nehmen. Und was für ein Kompliment – aber Moment: Halte ich da das Ding jetzt wirklich in der Hand? Kann’s kaum fassen.

Ich fang’ fast an zu heulen und bin überglücklich meine 2. Chance genutzt zu haben.
Glaube, meinen Fahrlehrer macht mein fröhliches und noch etwas verstörtes Lächeln ein bisschen glücklich.
Händeschütteln, ein letztes Lächeln, Verabschieden. Heimweg.

Ich nehme nicht die Bahn, weil ich die in Zukunft nicht mehr brauchen werde. Ich laufe zu Fuß, und als ich aus dem Ort herauskomme, blicke ich auf eine wunderschöne hügelige Wiesenlandschaft inmitten von Wäldern und Feldern. Schon immer da, aber durch meine Freudensprünge in meinen Augen einfach noch brillianter in seiner Farbenprächtigkeit und Geruchsintensität.
nDie Siegeszigarillo ist schon geraucht.



Baum Blatt Strauch

26 04 2007

Ich hab keine Ahnung, wie der Baum heisst. Die Namen der Blumen kenne ich auch nicht. Was das für ein Käfer ist, würde ich auch gerne wissen. Trotzdem ist es ein seltenes Farbenspektakel, ins Licht gesetzt von einer Sonne, die an blauen Himmel angepinnt ist. Eigentlich ist es ein Armutszeugnis von mir. Der Baum hat weiße Blüten, aber Kirschbaum ist es keiner. Löwenzahn könnte ich noch identifizieren, sowie die Pusteblume.
Dann ist aber auch schon Schluss.



Hmm …

22 03 2007

Unsere Welt ist eine große Theaterbühne. Wir sind alle Teil einer großen Inszenierung.
Das Radio meldet einen schweren Unfall mit Anhänger um 15:42. Ein Schwerverletzter. Um 15:30 bin ich vom Kunstunterricht heim getrottet und beobachtete im Vorbeigehen einen Mann beim Ankuppeln seines Anhängers mit blauer Plane an seinen Citroen.
Mein Vater fuhr wenige Minuten nach der ganzen Sache an der Unfallstelle vorbei. Man sollte kaum glauben, wie nah die alltägliche Gefahr uns doch steht. Man kann ihren Atem schon an den Nackenhaaren spüren.
Spürst du sie auch?



Coccinella septempunctata

18 03 2007

Wunderschönes Erlebnis gehabt, mitte der Woche. Kann nicht von mir sagen, dass solch ein Geschehnis vor ein paar Jahren so erwähnenswert für mich gewesen wäre. Auf dem Weg nach Hause, am Hofeingang, auf einem der wuchtigen weißen Pfeiler zwischen den blauen Metallgeländern, im Licht der Abendsonne, saß ein kleiner Marienkäfer, ganz ruhig und fast unbeweglich. Der Erste, den ich dieses Jahr erblickt habe. Mit seinen schwarzen Pünktchen auf
dem satt roten Rücken wirkt er wie ein kleiner Fleck auf der abblätternden Farbschicht. Ich beuge mich noch tiefer über das kleine Geschöpf und hauche es zart an, was zur Folge hat, dass das Tierchen sich in seinem rotschwarzen Mantel einkapselt. In dieses Moment steht die Welt eine Zeit lang still und kein Laut durchschlägt den Vorhang der Geräuschlosigkeit. Der Familienvater auf dem Parkplatz gegenüber hält inne und hört auf seinen Opel Kombi zu beladen und glotzt mich währenddessen an wie ein Apfelbaum auf dem Birnen wachsen. Nein, ich schaue nicht dich an, denke ich; ist es denn so ungewöhnlich, wenn man einfach mal stehen bleibt und die Welt um sich betrachtet und nicht wie ein wildgewordener durch die Gegend rast?
Ich gehe weiter bin ein bisschen zufrieden, was ich bei schlechtem Wetter wohl nicht wäre.
An das denke ich heute zurück, wenn ich aus dem Fenster heraus in grauschwarzes Einerlei blicken muss.



Museumsgefühle

28 01 2007

Geruchslose Luft, und leise Klavierstimmen, steigend wie fallend, füllen zusammen mit hier und da leisem Gemurmel die Räumlichkeiten. Weiß gestrichen, ein Raum wie der andere. In ihnen steht nichts, außer ein Stuhl in der Ecke, auf diesem dunkelbraun getäfelten Holzboden, während an der Wand wenige Bilder verschwenderisch den Platz einnehmen. Verschiedenste Motive, wobei ein jedes in eine andere Welt entführt. Nichts bewegt sich, man könnte nur denken, die Figuren der Gemälde zwinkern einem hin und wieder zu. Im nächsten Raum herrscht komplette Stille und die Ästhetik der Ruhe, Ordnung und Nüchternheit dieser Räume bricht wie ein tosendes Gewitter auf mich ein, so schließe ich die Augen, atme tief durch und fühle mich zufrieden, inmitten dieser Kunst. Dieser Minimalismus, die weißen Wände und sauberen Kanten, die beim genauen Hinschauen gar nicht so sauber geschnitten sind, und die kleinen Krümel die den Holzboden besiedeln, hauchen
den protzig großen Räumlichkeiten etwas Leben ein.
Das Highlight des Nachmittags: Ein zerknülltes Blatt Papier auf einem weißen Sockel, überglast. “A crumbled Sheet of paper.” Unglaublich. Daneben “Pieces of Paper”. Dabei ganz wichtig: Dazu benutzt wurde amerikanisches Briefpapier. Kein Scherz.

Warum war ich so unkreativ und bin nicht auf diese Idee gekommen?



Ist das Schnee?

23 01 2007

Es ist so heiß. Oder bin ich es? Schweiß tropft mir von der Stirn und erinnert mich daran, dass mein Fieber immer noch mein Blut kochen lässt. Was stellt die Krankheit mit mir an? Alle Farben wirken so matt, als läge ein graugrüner Filter über meinen Augen.
Ich kann nicht aufhören zu schwitzen.
Ich gehe zum Dachfenster und öffne es mit meinen zittrigen Händen, um den dünnen Zuckerguss zu betrachten, der sich ganz unmerklich heute Nacht über die Welt gelegt hat, während mein Hirn mir so einen Haufen Träume vorgegaukelt hat, dass man sie glatt 2 Wochen im Satellitenfernsehen ausstrahlen könnte.

Ich gehe langsam durch eine schmale, mittelalterlich wirkende Gasse. Die Sonne bricht durch die Wolken und lässt das abgetretene steinerne Pflaster matt glänzen, während sich meine nackten Füße darauf ganz kalt anfühlen. Links und rechts stehen Fachwerkhäuser mit leeren Schaufenstern. Alle Schaufenster sind leer und der Blick ins
Innere der Läden wird von braunen alten Stoffvorhängen verwehrt. Es ist kein schönes Braun, sondern dieses ekelhafte ausdruckslose Braun, dass heute nur noch als Farbe alter und hässlicher Gardinen zu finden ist, bei deren Betrachtung man sich die Frage stellt, ob diese Gardinen in den letzten 100 Jahren irgendjemandem gefallen haben mögen. Ich gehe weiter und es tauchen immer mehr Schaufenster auf, eines kleiner wie das andere, sodass ich mich frage, was die Besitzer dieser komischen Läden wohl darin verkaufen.
Mittlerweile habe ich aufgehört die unzähligen Schaufenster mit ihren grauenhaften braunen Vorhängen zu zählen.
Ich bleibe vor einem der leeren gläsernen Kästen stehen und presse meine kalte Nase gegen die Glasoberfläche und betrachte dabei das unscharfe Spiegelbild meiner Augen.
Die Sonne hat die Holzverkleidung des Schaukastens schon ganz ausgebleicht.
Was tue ich hier?
Ich suche einen Ausweg aus dieser Gasse, doch ich finde keinen. Die Türen der Häuser sind
verschlossen und hinter den Treppen die durch die Gasse führen, beginnt die Gasse wieder von neuem.
Ich beginne zu verzweifeln und fange an, gegen die Schaufenster zu trommeln, trete mit den Füßen dagegen, und werfe mein ganzes Gewicht gegen sie, doch nichts geschieht.
So laut ich kann schreie ich, doch mir antworten nur ein paar Vögel mit ihrem Zwitschern, obwohl ich bis jetzt weit und breit keine Vögel gesehen habe.

Schrecklich war das. Und auch ein bisschen verrückt und auf jeden Fall sinnlos. Froh war ich, als ich meine Augen öffnete und mich in meinem Bett wiederfand.