18

28 03 2007

Vorher 27. März, kurz vor 9 Uhr abends:
Ich bin gerade glücklich zu arbeiten. Diese Drecksformel und Gleichungen machen mir Spaß. Schönes Gefühl. Hoffentlich bleibt das so.
Morgen bin ich dann also 18. Ein vollends eigenständiger Mensch in dieser rüden Gesellschaft, voller offener Türen und solchen Türen, die nur so aussehen, als wären sie geöffnet.
Freier kann man in dieser Welt wohl nicht sein. Als “Kind” bevormundet von den Eltern, und immer mit dem Gewissen, dass jede Entscheidung theoretisch nicht bei mir liegt. Wenn man dann endlich 18 ist, dann scheint man zu den freiesten Menschen der Welt zu gehören. Denn dazu kommt noch, dass ich in ein Land hineingeboren bin, in welchem man sich aufführen kann wie der letzte Idiot. Ein Land, in welchem man Meinungsfreiheit als Privileg hat, Wohlstand ohne Ende, und ein Land wo eine Freiheitsstrafe von 5 mal lebenslänglich bedeutet, dass ich nach 24
Jahren wieder auf freiem Fuß bin und ordentlich auf den Putz hauen kann. Was will man mehr?
3 Stunden noch. Und dann wird sich die Uhr nicht mehr zurückdrehen lassen.
Im Spiel Leben habe ich dann eines von 4 Leveln geschafft. Kindheit. Erwachsen. Alt. Tot. Endgegner gibt es glaube ich keinen, mit dem hadert man das ganze Spiel über.
In der Highscoreliste bin ich nicht.

Nachher 28. März, kurz nach 14 Uhr:
Viele, viele nette Menschen, haben mich heute überrascht. Mit Kuchen, Sekt und lieben Glückwünschen. Ich bin happy, wenn man an mich denkt. Wenn man den ganzen Tag noch mit dem Zurück-Knopf wieder nach vorne spulen könnte, dann wäre es perfekt.
Was man an diesem Tag so an Gesprächen führt … Nein, ich glaube ich fühle mich nicht anders. Nur weiß ich jetzt, dass ich nie mehr Kind sein werde. Schade.
Was das Leben wohl bringen mag, soll es nur kommen … :)



Spuren im Sand

27 03 2007

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel
erstrahlten, Streiflichtern gleich,
Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen
vorübergezogen war, blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
„Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
daß in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?“

Da antwortete er: „Mein liebes Kind,
ich liebe dich und werde dich nie allein
lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.“

Margaret Fishback Powers

Copyright © 1964 Margaret Fishback Powers
Übersetzt von Eva-Maria Busch
Copyright © der deutschen Übersetzung 1996 Brunnen Verlag Gießen.
www.brunnen-verlag.de



System

23 03 2007

Die Welt macht mal wieder nichts. Sie ist nur da. Jeden Morgen, wenn ich aus dem Dachfenster schaue, sieht alles gleich aus. Die Leute rennen in den Supermarkt gegenüber unserer Wohnung und dann wieder heraus. Sie sehen aus der Ferne alle so gleich aus. Alle ohne Gesicht. Wie ein System läuft alles an einem Bindfaden. String Theory. Unfassbarkeit. Unabänderlich. Mein Schreibtisch ändert sich nicht, nur die Radiergummikrümel wandern umher, und die beschripselten Zettel der Klausurenvorbereitungen. Zwischendrin ein paar verknickte Konzepte von Gedichten.

Seit Monaten läuft alles so gleich, was mich einerseits nervt, aber mit andererseits auch fehlen würde, wenn ich es nicht hätte. Meine Umwelt zeichnet ihr Bild in mein Hirn. Ich beschreibe täglich diese Bilder in meinen Gedanken und schreibe sie dahin für die anderen Menschen. Meine Leidensgenossen.
Ich könnte mich stündlich über alles auslassen. Faschisten, andere Hassverbreiter, faule Punks, egoistische Rentner, Emos, die Polizei, die Politik, HipHop, Armut und Hunger – über mich selbst. Was hat man davon, sich dauernd über alles aufzuregen. Lieber helfen und unterstützen. Dann wird einem bewusst, dass dies die selben Menschen sind wie du.
Alle scheint seinen Sinn zu haben. Oder auch nicht.
Das scheint das Tolle an unserer Welt zu sein: Es gibt Dinge die kann man einfach nicht wahrnehmen und aufschreiben, sie ändern sich
sekündlich, sie ändern sich sogar noch schneller; so schnell, dass man ihr veränderndes Fließen, Fliegen, Zersetzen und Zusammenfinden nicht wahrnehmen kann. Aus Sandbergen werden Häuser, aus Gedanken werden Schicksale.
Oder Blogeinträge.



Gegensätze

23 03 2007

Saftige Brezel am Wüstenrand,
gebrochende Feder vom Regen verbrannt,
schleichend gehetzt keine Pause gemacht,
heiße Nacht im Schnee verbracht.

Fröhliche Klage von früh bis spät,
den Tod vor seiner Geburt erlebt,
beisst sich das Kätzlein in den Schwanz,
und bellt gedichteten Firlefanz.

Wortvorgaben: Brezel, Feder, Pause, Firlefanz



Hmm …

22 03 2007

Unsere Welt ist eine große Theaterbühne. Wir sind alle Teil einer großen Inszenierung.
Das Radio meldet einen schweren Unfall mit Anhänger um 15:42. Ein Schwerverletzter. Um 15:30 bin ich vom Kunstunterricht heim getrottet und beobachtete im Vorbeigehen einen Mann beim Ankuppeln seines Anhängers mit blauer Plane an seinen Citroen.
Mein Vater fuhr wenige Minuten nach der ganzen Sache an der Unfallstelle vorbei. Man sollte kaum glauben, wie nah die alltägliche Gefahr uns doch steht. Man kann ihren Atem schon an den Nackenhaaren spüren.
Spürst du sie auch?



Monolog einer Kloschüssel

20 03 2007

Mein Name ist Knut. Ich bin kein Mensch, aber schäme mich nicht für das, was ich bin. Ich bin eine beigefarbene Kloschüssel, die bald ihren 25. Geburtstag feiert. Leider habe ich nicht das Super-Sanitär-Los gezogen, wie das weiße Marmorkloset Jean-Pierre, zur selben Stunde hergestellt wie ich, das mit seinem glänzenden Spühlknopf jetzt die High Society im “Cheval noir”, dem angesagtesten Restaurant des Regierungsviertels beglücken darf.
Meine Bürde wiegt schwerer, und zwar wortwörtlich. Ich werde weder in einem teuren Haushalt, noch in einem Gemeindehaus genutzt.
Mein Zuhause ist der Bahnhof. Das Bahnhofsklo ist der Ort, der von den meisten meiner Nutzer als der ekelhafteste Ort der Welt empfunden wird. Hier bleibt keiner gerne lange, sei es die Hast des Reisenden oder einfach der schlichte Ekel, der die Menschen aus diesen Räumlichkeiten heraustreibt. An meiner glatten Oberfläche sind schon soviele Existenzen zerbrochen, soviele
Schicksale habe ich zu Grunde gehen sehen, schon so viele Seelen sind vorbeigeflogen; das Elend der Stadt, der Bodensatz der Gesellschaft, und dazu gehören wohl viele, so wie das hier aussieht. Ich weiß in und auswendig, wie man sich einen Schuss setzt, die Dosis für einen Goldenen kann ich mittlerweile auch abschätzen. Aber ich kann sie nicht warnen davor, weil ich nicht sprechen kann. Blut habe ich schon viel gesehen. Schon einige Tausend Zigaretten sind auf meinem Gesicht ausgedrückt worden. Viele Menschen hatten in der Kabine, in welcher ich mein Dasein friste, ihren Spaß, viele unfreiwillig, was man dann wahrscheinlich nicht mehr als Spaß bezeichnet. Wie gerne würde ich aus meiner Hülle ausreißen und dafür sorgen, dass der Platz neben mir für soviele einsame Seelen nicht der Ort ihrer Verzweiflung werden muss.
Bald hat das alles an ein Ende für mich. Heute werde ich sterben. Ein neues WC kommt an meine Stelle. Aluminium und Marmor. Automatische Spülungen. Infarottrockner und
wassersparende Spülung zum Drücken, nicht mehr die zum Ziehen. Ich bin nicht mehr gut genug. Wie die Menschen die an mich angelehnt die einzig warme Herberge in ihrem Leben fanden.
Ich habe mich damit abgefunden und hoffe, in meiner Zeit auf dieser Erde eine nützliche Aufgabe erfüllt zu haben.
Ich höre sie schon anrücken, mit ihren Vorschlaghämmern. Hoffentlich tut es nicht all zu arg weh. Der Dreck wird mir fehlen. Ziemlich sogar. Die Neonröhre flackert mir ein ‘Auf Wiedersehen!’. Sie wird auch ausgetauscht.
Schritte.
Sie kommen schon.



Coccinella septempunctata

18 03 2007

Wunderschönes Erlebnis gehabt, mitte der Woche. Kann nicht von mir sagen, dass solch ein Geschehnis vor ein paar Jahren so erwähnenswert für mich gewesen wäre. Auf dem Weg nach Hause, am Hofeingang, auf einem der wuchtigen weißen Pfeiler zwischen den blauen Metallgeländern, im Licht der Abendsonne, saß ein kleiner Marienkäfer, ganz ruhig und fast unbeweglich. Der Erste, den ich dieses Jahr erblickt habe. Mit seinen schwarzen Pünktchen auf
dem satt roten Rücken wirkt er wie ein kleiner Fleck auf der abblätternden Farbschicht. Ich beuge mich noch tiefer über das kleine Geschöpf und hauche es zart an, was zur Folge hat, dass das Tierchen sich in seinem rotschwarzen Mantel einkapselt. In dieses Moment steht die Welt eine Zeit lang still und kein Laut durchschlägt den Vorhang der Geräuschlosigkeit. Der Familienvater auf dem Parkplatz gegenüber hält inne und hört auf seinen Opel Kombi zu beladen und glotzt mich währenddessen an wie ein Apfelbaum auf dem Birnen wachsen. Nein, ich schaue nicht dich an, denke ich; ist es denn so ungewöhnlich, wenn man einfach mal stehen bleibt und die Welt um sich betrachtet und nicht wie ein wildgewordener durch die Gegend rast?
Ich gehe weiter bin ein bisschen zufrieden, was ich bei schlechtem Wetter wohl nicht wäre.
An das denke ich heute zurück, wenn ich aus dem Fenster heraus in grauschwarzes Einerlei blicken muss.



Gibt es ein Leben nach der Geburt?

17 03 2007

Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch seiner Mutter:
“Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?” fragt der eine Zwilling.
“Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das, was draußen kommen wird”, antwortet der andere Zwilling.
“Ich glaube, das ist Blödsinn!” sagt der Erste. “Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie sollte das denn bitteschön aussehen?”
“So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?”
“So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz.”
“Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders.”
“Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von ‘nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum.”
“Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden und sie wird für uns sorgen.”
“Mutter?? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?”
“Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!”
“Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht.”
“Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt … ”

Nach Henry Nouwen



Slainte!

16 03 2007

Tja, morgen ist es soweit: St. Patrick’s Day!
Es ist ein Vorurteil, die Iren würden dieses Fest nur feieren, um sich maßlos zu betrinken.
Schaut man dieser Tage nach Irland, dann sind das die fröhlichen Iren, die die Missionierung Irlands vor ungefähr 1600 Jahren begießen, und keine betrunkenen Iren. Als Ire kann man nicht betrunken sein, ganz einfach ist das.
Gut, die Iren sind ein lautes Volk, aber das lässt sie doch nicht weniger sympathisch erscheinen. Wenn ich die Chance hätte, an einem anderen Ort der Welt geboren zu werden, dann würde Irland ziemlich weit oben stehen. Hungersnöte hatten sie ja früher und die IRA schieß auch nicht mehr allzu scharf. Auch wenn pures Guiness nicht so lecker grauslig schmeckt, gefallen mir Irische Bars wirklich ausgesprochen gut.
Strongbow Cider,
Snakebite … hmmmm
Ihr wisst wo ihr mich heute Abend findet! :D



Überschriftslos

14 03 2007

Immer wieder die gleichen Wörter, die an die Türe klopfen. Immer die gleichen Metaphern die sich ins Sichtfeld schieben.
Die Notizbuchseiten bleiben weiß, von den blauen Linien abgesehen. Alter Text, der nicht mehr berührt, sehr schade.

Schreiblockaden sind überschriftlos. Wäre es sinnvoll, einem Beitrag, der davon handelt, dass einem temporär die Ideen ausgehen, eine aussagekräftige Schlagzeile zu geben? Ist es überhaupt sinnvoll, Tastaturanschläge für so etwas aufzuwenden?

Ich bedauere es, wenn ich meine Gedanken nicht auf den Punkt bringen kann wie ich das will.
Die Sonne lacht vom Himmel, die Tage werden immer länger und die Texte werden immer kürzer.