Achte auf dein Mundwerk

30 09 2008

Toleranz:
“Na, die gehen ihnen doch auch auf die Nerven, oder? Diese Tiere sollte man doch alle in ein Heim sperren, wo sie für sich untereinander rumspacken können, nicht wahr?”
“Ja, das denke ich auch, weg sollten die.”
“Hehe, jaja – geht ihnen das nicht auch jeden morgen in der Bahn auf den Sack, wenn die rumbrüllen, die Sitze vollsabbern und sie mit ihren missgestalteten Gesichtern anstarren, diese Behinderten?”
“Hmm, einen Moment – nein nicht ganz. Ich glaube wir haben uns gerade missverstanden. Um nicht sogar zu sagen, das stört mich eigentlich überhaupt nicht, denn im Gegensatz zu ihren menschenfeindlichen Äußerungen ist solches Gebaren, dass sie als so abstoßend verurteilen, sogar sehr menschlich. Aber mir gehen die intoleranten Hassprediger auf den Sack, die sich über Behinderte lustig machen. Die sollte man Wegsperren.”

Beziehungen:
Es macht mich annähernd
rasend, wenn Mensch von Fernbeziehungen so abschätzig sprechen, als wären es keine Beziehungen. Wahre Liebe kennt keine Kilometer.

Was ich immer schon mal wissen wollte:
Bekommen BahnCard-Besitzer Rabatt auf Schwarzfahren?



Geheimnisse

28 09 2008

Bei Politik ist es genau dasselbe wie beim Gehalt – darüber spricht man nicht. Zu persönlich, zu heikel, zu geheim, und irgendein Geheminis braucht man schließlich noch. Aber die ganzen anstehenden und laufenden Wahlen in Deutschland und anderswo haben mich über diese Thematik neu nachdenken lassen und ich bin zu einem Schluss gekommen.

Wer aus seiner politischen Gesinnung ein Geheimnis macht, der hat sie schon verraten.



Superbia

26 09 2008

pride_-_jacob_matham

Superbia (lat.): Selbstsucht
Übermut, Eitelkeit, Ruhmsucht, Hochmut
LUCIFER

“Nein! Ich will das nicht und ich will mich damit auch nicht abfinden, verdammt, NEIN!” Er zog die kalte Luft in seine Lungen und hob den Kopf. “Warum muss ich der sein, der trauert? Warum muss ich die beerdigen, die ich liebe; mein ein und alles, den Grund meiner Existenz … warum ich? Meine Liebe … mein Leben; es – es ist nicht fair!”
Er klammerte sich zitternd an den aus dem Boden ragenden weißen Marmor, biss sich auf die vertrockneten Lippen, die Tränen
über sein verbissenes Gesicht weinend, die ihre gewohnten Bahnen flossen in ihren von Pfaden tiefster Trauer und Verzweiflung gezeichneten Gesicht. Er schrie, und er schrie und er schrie weiter, nach der Frau, der er sein Herz geschenkt hatte, um mit diesen Schreien die Löcher zu füllen, die ihr viel zu früher Fortgang in ihm hinterlassen hatten. Doch es war niemand weit und breit zu sehen zwischen Grabsteinen, Stiefmütterchen und frischen Lilien, und die Linden des Friedhofs hatten für Klagen solcher Art nichts weiter übrig, als Ignoranz. Sie blicken nicht mitleidig auf die traurigen Gräber und Menschen nieder, nein – sie stehen dort einfach, auch wenn dass niemand wahrhaben will.
“Ich liebe sie! Ich liebe sie mehr als mein eigenes Leben! Und du bist der Schuldige – du bist der Täter, der Mörder – der Vater, der seine Kinder im Brunnen ertränkt – der missratene Schöpfer, der uns einsam sterben lässt!”
Die Augen gefüllt von unvorstellbarem Zorn streckte er mit unbändiger Kraft seine
geballte Faust hoch zu den Wolken, die so friedlich ihre Bahnen im Äther zogen, wie die Linden schon seit Jahren und Jahren neben den Grabsteinen unbeeindruckt von allem Leid stehen, welches sie dekorieren.
“Die Macht über Leben und Tod liegt in deinen Händen und du zerrst und reisst daran, ohne die Rücksicht darauf, was du Dabei zerreisst – Leben zerstörst! Bist du jetzt zufrieden? Du sollst mich geschaffen haben? ”
Sein Schreien hätte alle Vögel auf den Linden verjagt, wenn welche dort gewesen wären, und diese Einsamkeit tat der Gleichgültigkeit dieser alten Bäume keinen Abbruch. Er richtete seinen Blick zur Sonne.
“Heute schaffe ich mich selbst neu. Ab heute werde ich dich ablösen, wie auch immer du dich nennen magst. Ab heute werde ich der neue Herrscher über Leben und Tod sein! Ich werde GOTT sein!!”
Er blickte vor seinem Gang in eine Zukunft voller Erbarmungslosigkeit und Rache noch einmal auf das Grab seiner verstorbenen Frau, doch was er nun empfand, das war nicht mehr
dasselbe wie früher – die Trauer eines verwitweten Ehemannes – sondern der hemmungslose Hass auf alles Schöne, Glückliche und Lebendige in dieser Welt, was alles in seiner Verachtung stand und er als schlecht und lebensunwürdig empfand, vom Säugling bis zum Greis. Nur er empfand es nun als gerecht, sich als göttliche Gegenleistung für sein eigenes Leid selbst zum Herrgott zu machen. An diesem Tag nistete sich der Gedanke in ihm ein, dass es weder Gut noch Böse gab in dieser Welt, sondern nur einen Kampf zwischen dem Mensch und seinem Schöpfer.



Беларусь !

20 09 2008

Wer sieht sich selbst nicht gerne als unkoventioneller Blogger? Bei mir selbst kann man diese Unkonventionalität vielleicht darin beschreiben, dass ich in diesem Blog Gedanken veröffentliche, die einen Sachverhalt, ein Erlebnis oder ein Gefühl im Detail beschreiben und nicht die ausschweifenden Alltagsbeschreibungen und Reiseberichte sind es, die hier ihren Platz finden. Doch nun habe ich mich trotzdem dazu entschlossen, über meinen dreiwöchigen Trip nach Weissrussland einige Gedanken zu verlieren, wenn auch mit einiger Verspätung.

Zu Beginn ein kleiner Gedankenanstoß: Ich bin mir sicher, dass über die Hälfte der Leser dieses Artikels sich nicht darüber im Klaren sein werden, in welchem Land Tschernobyl liegt, geschweige denn davon, dass der radioaktive Niederschlag, der durch das dortige Reaktorunglück entstand, gar nicht dort auf Erde, Tier, Natur und Mensch niederging, wo der Vorfall stattfand, sondern in einem Nachbarnland, von dem noch mehr Leser nicht wissen werden, dass es seit der Auflösung der Sowjetunion ein eigenständiges Land ist, welches nicht zu Russland gehört. Беларусь, Belarus, Weissrussland.
Man denkt, in den seit April 1986 verseuchten Gebieten würde sowieso keiner mehr wohnen, die Menschen seien doch alle evakuiert worden. Und selbst wenn – der Vorfall in Tschernobyl ist doch schon bald 25 Jahre her. Das Raffinierte an der Sache ist, dass eben dies die Politik der betroffenen Länder geschafft hat, in den Köpfen der Menschen – nicht nur im eigenen Land – zu etablieren. Doch hier geht es um Halbwertszeiten von über 2000 Jahren und es halten sich dort immer noch Menschen auf, wohnen dort, leben dort, essen dort und bekommen dort ihre Kinder. An Umsiedlung ist bei der desaströsen finanziellen Lage des Landes nicht zu denken, und offiziell gibt es dort auch keine
Statistik, die von Strahlenopfern spricht, was sich ins Schema der totalen Desinformation durch den Staat nahtlos einfügt. So ist es für die Betroffenen ohne Hilfe durch Dritte unmöglich, in unverstrahltes Gebiet zu ziehen und ihrer Familie dadurch trotz der schon vorhandenen Erbschäden eine Zukunft in einer gesunden Umgebung bieten zu können. Neben fehlenden oder verkrüppelten Gliedmaßen, offenen Rücken bei Neugeborenen und natürlich Krebs, vermindern strukturelle und wirtschaftliche Probleme drastisch die Lebensqualität der Menschen in den betroffenen Gebieten.
Der Verein Heim-Statt-Tschernobyl e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Menschen zu helfen. Mithilfe von Freiwilligen aus Deutschland und Belarus werden auf gesunder Erde zusammen mit den Betroffenen Häuser gebaut, die von Spendern aus Deutschland finanziert werden. Im August nahm ich für 3 Wochen an solch einem Workcamp teil, welches allerdings nicht nur den Bau des Hauses
beinhaltete , sondern auch die persönliche Begegnung und Aussöhnung mit der belarussischen Bevölkerung bezweckt.

Belarus - Haus

Unsere genau Aufgabe war es, zusammen mit den zukünftigen Besitzern des Hauses und weissrussischen Studenten und Freiwilligen, die Wände der Häuser zu füllen. Dies geschieht nicht wie üblich mit Stein oder Beton, sondern mit einer Masse aus Lehm, Wasser und Holzhäckseln, was zwar sehr ökölogisch, energieffizient und recht preisgünstig für diese Art von Häusern ist, aber viele Hände braucht, da diese Vorgänge in dieser Form nicht maschinell möglich sind. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Bei den fertigen Gebäuden handelt es sich nicht um kleine Lehmhütten, sondern vollwertige Lehmhäsuer, die auch den widrigen belarussischen Wintertemperaturen von über
-30°C Widerstand gebieten. Ich war während der hauptsächlichen Bauarbeiten am Mischer tätig, der dieses Gemisch für die Wandfüllung herstellte.
Die Landschaft und Natur Weissrusslands ist geprägt von Landwirtschaft und Unberührtheit.

2825373880_b1191ea9b8

Da ich sehr oft mit dem Fahrrad zwischen der Stadt und dem Dorf unterwegs war – meist in der Abenddämmerung – konnte ich diesen Traum aus grün und blau ausgiebig bestaunen. Das Telefonieren wäre mir mit dem Mobiltelefon möglich gewesen, doch bei Minutenpreisen von 3 € greift man dann lieber auf die Telefone in der Post zurück, mit denen man für umgerechnet 6 € über eine halbe Stunde nach Deutschland telefonieren konnte.

Belarus - Landschaft

Apropos Dienstleistung: Bei der Einhaltung ihrer Pausen sind die Weissrussen sehr genau. Es kann also schon mal vorkommen, dass einem die Dame am Post-, Telefon- oder Bankschalter mitten im Gespräch das Sprechfenster pünktlich zur Pause zuknallt. Sehr amüsant.
Neben der Arbeit standen auch Ausflüge in die Hauptstadt Minsk, die Geburtsstadt Chagalls Vitebsk und zu Mahnmälern des 2.Weltkrieges auf dem Programm – einem Krieg, der Weissrussland zugesetzt hat, wie kaum einem anderen Land. Es war nach dem Krieg nahezu komplett zerstört; die großen Städte zerbombt und beim Rückzug der Front wiederrum überrollt, und hunderte von Dörfern von der SS niedergemacht, die Menschen abgeschlachtet. Auch schon im Ersten Weltkrieg zog sich die Frontlinie durch Belarus. Ein Land, welches immer zu leiden hatte, vielleicht kann man sogar sagen: ein Land der Opfer. Momentan kann man jedoch sagen, dass es
wirtschaftlich trotz grauenhafter Inflation (1 € = ca. 3000 Rubel) in diesem Land aufwärts geht. Die Menschen spüren das, wodurch sich die breite Unterstützung erklären lässt, die der Präsident auf Lebenszeit Aljaksandr Lukaschenka im Volk geniesst. Für Teilnehmer des Camps, die schon vor mehreren Jahren das Land besucht hatten, war dieser Aufschwung deutlich sichtbar: mehr Autos und weniger Pferdefuhrwerke, mehr Restaurants und ein bisschen mehr vom Rest der Welt in einem Land, dessen Regierung sich zugleich von Russland im Osten und Europa im Westen abschotten möchte.

2825334614_c1b820638d

Eine sauberere, geordnetere und aufgeräumtere Stadt als Minsk habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Auch nicht im Fernsehen oder in Reiseführern. Keine Graffitits und Schmierereien, keine Obdachlosen
und Bettler (bis auf ein paar alte, vom Leben gezeichnete und bucklige Frauen, die Babuschkas, denen man gerne etwas zusteckt) und wenig Straßenverkehr. Die Vororte sind zugepflastert mit sowjetischen, geschmacklich diskutabel konstruierten Plattenbauen.
Geheiratet wird Samstags, was zur Folge hatte, dass wir bei Besichtigung der Träneninsel, einer Insel mit vielen Denkmälern, ungefähr 40 Brautpaare zu Gesicht bekamen, die traditionell an den Gedenkstätten Blumen niederlegten. Ach übrigens, in jeder Stadt steht mindestens eine Lenin-Statue, meinem Urteil nach im ganzen Land überall das gleiche Modell, zumeist auf dem Leninplatz, der auch in jeder etwas größeren Stadt zu finden ist. Die größte Statue muss wohl die vor dem Regierungspalast sein.

2824518967_f579ec03af

Menschen und Sprache haben
ihren ganz eigenen Charme. Was mich sehr beeindruckte war, dass nicht über alles gemeckert und drumherum geredet, sondern einfach gemacht wird. Das hat zwar seine Vor-und Nachteile, aber macht auf jeden Fall anpassungsfähiger und sympathischer. Wenn man Fremden begegnet, können die etwas ruppig sein, wenn man die Menschen jedoch näher kennenlernt, dann werden einem überaus gastfreundliche Menschen begegnen, was wir auch bei unseren Gastfamilien erfahren durften, welche die schon fertigen Häuser bewohnen.
Was mich in diesen drei Wochen jedoch am meisten fasziniert hat, war die Mischung von Menschen verschiedensten Alters, verschiedenster Biografie, Herkunft und Charakters im Camp. Ich habe mich mit Leuten im Rentenalter unterhalten, als wären sie in meinem Alter, habe vom Friedensaktivisten, über den Landwirt bis zum Bundeswehrfeldwebel mit den verschiedensten Menschen zusammengearbeitet und mit jungen Weissrussen Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen.

>2824554079_e2f5cc3749

Sobald man in einem Land wirkliche menschliche Begegnungen gemacht oder sogar Freunde gefunden hat, dann beginnt man über diesen Flecken Erde auf eine ganz andere Art zu reflektieren. Normalerweise sind Spätsommer für ihre milden Temepraturen bekannt, doch gerade zu solch einer heißen politischen Zeit, in welcher wir in diesem Herbst stecken, wird einem dann bewusst, dass die Grenzen zwischen Ländern in keinem Fall die Grenzen zwischen den Menschen sein, und auch niemals werden dürfen!
Weissrussland, dass aufgrund seines politischen Systems und seiner Partnerschaften politisch und wirtschaftlich weitgehend isoliert ist, einer “Achse des Bösen” zugehörig zu bezeichnen, ist schlicht eine beschämende Beleidigung für die Menschen in Belarus. Aus diesem Grunde macht mir die momentane Krisenstimmung im Osten Angst,
denn die Vergangenheit, selbst die jüngste, hat gezeigt, wie schnell Krieg entstehen kann, Nationen zerteilen, Menschen trennen und Leid über sie bringen kann.
Wir werden sehen …



Kätzchen

5 09 2008

Meine diabolische Nachahmungsfähigkeit von Hundebellen versetzte sie in Angst und Schrecken, doch entschädigte ich sie mit großzügigen Streicheleinheiten. *miau*

kaetzchen



Todeszahlen sind tote Zahlen

3 09 2008

Die Zahlen tanzen uns in den Ohren, wie Kopfläuse in den Haaren. Sie sind die Musik des Tages. 5000 Tote damals, 23 heute, vor 2 Jahren 10000, morgen möglicherweise wieder viele – wir sind informiert. Wieso erzählt man uns das? Damit wir eine Krise beurteilen können? Damit wir beurteilen können, ob etwas Beachtung verdient und diskutiert werden muss? Ob eine Schuld noch immer wiegt? Es ist doch sowas von irrelevant, wieviele Menschen ihr Leben verlieren, sondern DASS es passiert. Sind Kriegsverbrecher weniger Kriegsverbrecher, wenn sie anstatt einer Million Menschen nur Tausend umbringen? Sie sind die selben Kriegsverecher, die selben Mörder, selbst wenn sie nur einen umgebracht haben. Die Nachrichten machen Leid und Tod zur Unterhaltung, ob sie es wollen, oder nicht. Wir als Konsumenten der Nachrichten, die wir uns von den schrecklichen Geschehnissen kaum berührt fühlen, wollen aber trotzdem informiert sein. Die Fluten an Zahlen stumpfen unser
Empfinden ab und machen uns zu Aktionären an der Börse des Todes.

Um den Tod von Tausenden verstehen zu können, muss man erst den Tod eines Einzelnen nachvollziehen können.