Reisen und Abenteuer auf Kanal 7

8 10 2006

Er setzte sich auf das Sofa, schenkte sich einen Scotch ein und begann eine seiner Geschichten zu erzählen …

Nun, ich kannte diesen Mann schon lange und er kannte mich seit meinen Kindheitstagen. Er wurde zunehmend schwächer, und mit 70 Jahren bewegte er sich kaum noch aus seiner Wohnung. Meine Besuche nahmen ab, denn ich entdeckte in diesem Alter den Spaß am Feiern und am anderen Geschlecht.
Ich lief noch öfters an seinem kleinen Haus mit dem großen Garten vorbei und bekam jedes mal ein schlechtes Gewissen, aber brachte es doch nicht über das Herz bei ihm zu klingeln und einfach nur mit ihm zu reden.
Jedesmal wenn ich vorbeiging, sah ich seinen Hinterkopf am Fenster und das Flimmern das Fernsehers, das jeden Abend und jede Nacht den schwarzen Asphalt erhellte.
Der Garten wurde immer ungepflegter und die Buddhastatuen und fremdländischen Skulpturen setzten Moos an.
Verwunderlich wirkte dies auf mich, so hatte er
doch zu früheren Zeiten seine Mitbringsel immer gehegt und gepflegt.

Es kam so, dass ich zu jeder erdenklichen Uhrzeit, zu der ich an seinem Haus vorbeilief, das Flimmern seines Fernsehers erkennen konnte.
Sein Hinterkopf warf einen riesigen Schatten auf den Gehweg. Er saß wohl tagtäglich in seinem Lieblingssessel am Fenster und schaute Fern. Vielleicht die Reisesendungen von denen er immer so geschwärmt hatte.

Am Morgen eines nebligen Dienstages war aber alles anders wie sonst. Als ich am Haus vorbeischritt stand ein großer langer schwarzer Wagen vor der Tür, daneben die alte Frau Lieblich mit ihrem Damenrad.
“Ach, junger Mann. Es ist kaum zu glauben. Sie haben ihn gefunden, weil die Nachbarn durch die Fliegen und den Gestank auf ihn aufmerksam geworden sind.” Verwirrt schob sie ihr Rad weiter den Gehweg entlang.

Sie mussten ihn aus seinem Sessel herausschneiden, so schlimm war es schon. Der Kühlschrank glich einem Zoo. Doch der Rest der Wohnung hatte sich nicht verändert,
nur eine dünne Staubschicht hatte sich auf alles gelegt und bedeckte die ganze Wohnung wie der erste Schnee im Winter die Landschaft.

Später erfuhr ich, dass in seinem Fernseher Kanal 7 lief. Der Reisekanal von dem er immer so geschwärmt hatte.
Einsam hatten seine toten Augen ein knappes Jahr auf die Mattscheibe gestarrt, hinter der sich die ganzen Orte verbargen, die er noch so gerne besuchen wollte.

Vielleicht hätte er es so gewollt.


Ich würde gerne ...

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