Verbranntes Leben

23 10 2006

Als er seine Augen öffnete blickte er in den blauen Himmel. Eine Baumkrone ragte in sein Blickfeld. Er konnte kaum etwas hören, nur ein leisen Rauschen und Zwitschern. Alles klang dumpf, wie Gespräche im Nachbarzimmer. Er versuchte sich aufzusetzen. Es ging und er verspürte Schmerzen. Sowie er an sich herabblickte, sah er seine angesengte, doch größtenteils schwarze, verkohlte Uniform. Die klaffende Platzwunde an seinem Kopf war schon eingetrocknet und war verklebt mit Schmutz und Asche. Sein Atem rasselte, doch das konnte er nicht hören. Er war nun fast taub.
“Das würde sich geben, würde man ihm mit Sicherheit im Lazarett sagen”, dachte er während er auf einen Helm blickte der neben ihm auf dem Boden lag. Die Aufschrift: “Born 2 Kill”.

Er war in einem flachen Krater, umringt von Dreck, Blut und Uniformen mit Menschen darin.
Der Luftangriff war daneben gegangen. Man hatte letzte Nacht auf ihre eigene Position gefeuert. Es war
jetzt früher Morgen und er wunderte sich, wieso er überhaupt noch lebte.
Er stand auf und spürte den Schmerz der vielen Prellungen und Verbrennungen.

Komischerweise war er aus einem unerfindlichen Grund gut gelaunt und blickte auf den toten Vietcong, dessen dunkle und leere Augen, wie die eines übergroßen, toten Käfers, einen Baumstumpf anstarrten, das Gesicht weiß von der Asche.
Die Menschen um ihn herum waren entweder verbrannt oder erschossen worden.
Ein kleiner Bach plätscherte an dem breiten Loch vorbei, welches die Splitterbomben zwischen die riesigen verkrüppelten Bäume gerissen hatten.

Langsam humpelte er im Kreis.
Vor ihm lag eine ramponierte Kalashnikov mit verbranntem Griff. Er hob sie auf. Sie war noch geladen und entsichert. Langsam erhob er die Waffe in die Luft und feuerte einen Schuss ab.
Nichts.
Nicht einmal Vögel flatterten aus dem Unterholz.
Die toten Vietcong und der alte Barnes aus seinem Zug, die ihre Gliedmassen teilweise verrenkt in die
Luft streckten oder mit dem Gesicht zu Boden lagen, rührten sich kein bisschen. Er schoss noch einmal.
Nichts.
Im Dauerfeuer entleerte er das Magazin in die Blätterkrone eines Baumes.
Immer noch nichts.

Er könnte hier tun was er wollte, es würde nichts passieren. Keine Konsequenzen, keine Ergebnisse. Er fühlte sich in diesem Moment unsterblich.

“Die Welt hasst dich. Sie ist nur so höflich es dir nicht ins Gesicht zu sagen. “, dachte er sich und blinzelte.
Er setzte sich auf einen kleinen Felsen der aus den aufklaffenden Eingeweiden des Dschungelbodens ragte. Er wartete und beobachtete die Toten und schien darauf zu warten, dass sich einer von diesen erhob, auf ihn zuging und sich zu ihm setzte.
“Ich sollte mich auch n bisschen hinlegen, Jungs”, sprach er laut. “Weckt mich wenn’s weitergeht, ich will nicht im Schlaf von irgendwelchen blutrünstigen Nordvietnamnesen erstochen werden.”

Er legte sich neben den alten Barnes, klopfte der Leiche auf die Schulter, und
schloss die Augen.


Ich würde gerne ...

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