Weihnachten, mal anders

23 12 2006

Der Atem wird bei der Eiseskälte zu Wasserdampf, der vom warmen gelben Licht der Straßenlampen angestrahlt, in kleinen weißen Wölkchen in die Dunkelheit schwebend verschwindet.
Das alte Polster mit dem Tulpenmuster aus dem nicht verschlossenen Schrebergarten, dem er diesen Sommer einen nächtlichen Besuch abgestattet hatte, hielt die Kälte kaum von ihm fern und der kalte Wind ließ ihn schon seine Nase nicht mehr spüren.
Er strich sich über den schmutzigen Mantel und rieb sich die Hände, die in dreckigen und alten grauen Handschuhen steckten, die nicht mal bis über die Fingerkuppen gingen.

Familien, die vom Gottesdienst kommen, Menschen die fröhlich gestimmt sind und sich alle ein frohes Fest wünschen, schlenderten an seinem Plätzchen neben der Brücke vorbei.
Ihm wünscht keiner ein frohes Fest. Er hat schon ein paar Mal versucht, vorbeispazierenden Päärchen und alten Herrschaften mit seiner kratzigen Stimme ein “Frohe
Weihnachten!” entgegen zu halten, wenn sie ihn mit ihren missbilligenden Augen anblickten und sogleich wieder wegschauten.
Alle haben ihren Spaß und sind glücklich.
Und er? Er feiert dieses Jahr mit Jim. Jack war zu teuer und Johnny erst recht.
Jim hat es gut. Er hat es immer warm, selbst wenn die Glasflasche sich noch so gefroren anfühlt – sein Geschmack macht glücklich, seine Seele wärmt den Körper, wenn man ihn die trockene Kehle hinunterrinnen lässt und dabei die Augen schließt, um das Elend um einen herum nicht mehr ertragen zu müssen. Dann könnte man wirklich glauben, es sei alles wie früher, als er noch an Heilig Abend mit seiner Frau in trauter Zweisamkeit vor dem Weihnachtsbaum saß und er seinen Arm um ihre zarten Schultern gelegt hatte.

Wie sollte dies das Fest der Liebe sein, wenn sich nicht mal an diesem Abend jemand um ihn scherte?
Warum mochte ihn niemand? Konnte er etwas dafür, das seine Frau sich von einem Anwalt hat abschleppen lassen, der es vor dem
Familiengericht dazu brachte, dass sein Haus und seine Karre seiner Frau zugesprochen wurden?
Diese Egoisten lieben nur die Menschen, von denen sie auch geliebt werden. Ist das der Sinn dieses ganzen Festes?

Bloß nicht einschlafen bei diesen Temperaturen.
Zuvor lieber rüber zum U-Bahn Schacht, auch wenn es stinkt, aber warm ist warm.
Ja nicht einschlafen. Nicht einschlafen! Nicht einschlafen. Nicht einsch …

Er war eingeschlafen. Es wurde kälter und kälter und er schlief.
Eine Weile lang formte sich sein Atem noch weiterhin zu kleinen weißen Wölkchen, auch wenn sie nicht mehr so schön von warmem gelbem Licht angestrahlt wurden, denn die Straßenlampen waren um diese Zeit bereits ausgeschaltet.
Irgendwann in dieser Nacht entschied sich sein Herz mit dem Schlagen aufzuhören. Der Winter hatte seinen Kreislauf zum Stillstand gebracht.
Weihnachten hatte seinem Herzen in jeder Hinsicht den Ratschlag erteilt, lieber zu ruhen, anstatt weiterhin auf die Trauer um die eigene
verlorene Seele zu pochen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag musste ein altes Ehepaar auf seinem Morgenspaziergang den grausigen Anblick eines erfrorenen Menschens ertragen. Dabei hatte er doch so einen erlösten Ausdruck auf seinem Gesicht, beinahe ein Lächeln auf den Lippen.
Wilhelm war zwei Tage zuvor 58 Jahre alt geworden.

Ach, übrigens. Frohe Weihnachten.

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Elvis Presley – Are You Lonesome Tonight


Ich würde gerne ...

Infos

4 Antworten to “Weihnachten, mal anders”

23 12 2006
blog.argwohnheim » .frohe weihnachten (20:09:46) :

[...] Man kann sich aber glücklich schätzen, dass man Familie und Freunde hat. Anders als Wilhelm, in der schönsten und traurigsten Weihnachtsgeschichte, die ich dieses Jahre gelesen habe. Drüben bei plasmaoxyd. [...]

25 12 2006
Malek Nosghu (11:17:47) :

“Diese Egoisten lieben nur die Menschen, von denen sie auch geliebt werden. Ist das der Sinn dieses ganzen Festes?” – wenn sie denn lieben.
Wirklich zu betrauern sind eben diese “Egoisten”, deren Angst vor und Unfähigkeit zur Nähe sie grausamst quälen müsste.
Und schlussendlich war Wilhelm auch “nur” “Egoist”.

25 12 2006
Malek Nosghu (11:19:36) :

PS: es müsste heißen “Furcht vor” – Angst ist unbestimmt, Furcht bestimmt; tut mir Leid, dass mir solche Dinge immer erst auffallen, nachdem sie schon festgenagelt sind.

und ja: Alles Liebe.

26 12 2006
plasmaoxyd (14:26:14) :

In einer Welt, in der jeder nach sich selber schaut, ist es eben schwierig kein Egoist zu werden.
Wünsche ebenfalls noch eine frohe Zeit. :)

Gib deinen Senf dazu

Du kannst diese Tags benutzen : <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>