Zeitvertreib Patentrezept

8 02 2007

Parties sind da, um zu trinken, denkst du, und spürst ein weiteres Bier auf deiner Zunge prickeln. Wodka Kirsch, Wodka Orange, Wodka dies, Wodka das, Birnenschnaps vom Hause, Bacardi Cola, Chantré pur, es wird immer wärmer um deine Ohren und deine Unterhaltungen immer angeregter. Du kannst deinen Blick gar nicht vom Gesicht und den wunderbaren Rundungen deiner Partybekanntschaft wenden, bis sie etwas für dich unverständliches murmelt und einfach verschwindet, im Pulk der Leute, wovon du kaum jemanden kennst. Doch du trinkst weiter und vergisst die Sorgen der Woche, die Menschen die dich ankotzen, die du hasst, und die dich hassen, und auch die Pflichten, die dir zum Hals raushängen. Hier bist du zu nichts verpflichtet, außer gut drauf zu sein und den Kasten Bier leer zu machen.
Irgendwann stehst du auf und schwebst durch die warme Helligkeit, die wabernde Wolke aus Stimmen und Musikfetzen, zwischen den Leuten hindurch, mit wunderbaren
Pirouetten und Wendungen, wie ein Engelchen an seinem ersten Tag im Himmel, und schlängelst dich auf die Terrasse, um dir eine Kippe anzuzünden. Friedlich und fröhlich nimmst du einen tiefen Zug, und saugst den Tabakrauch in deine Lungen. Keine Gedanken an den Sinn des Daseins, keine stechenden Sorgen im Hinterkopf, nichts zu tun, gar nichts, Ruhe in deinem Schädel, vielleicht etwas Musik aus den schepprigen Lautsprechern von drinnen. Nun bist du fröhlich, so glücklich und so besoffen. Wie schön das Leben doch sein könnte, denkst du dir, wenn man nicht denken könnte, und hast zu diesem Zeitpunkt schon lange vergessen, was du vorhin schon alles eingeworfen hast.
Das Einzige, was dich jetzt stört, ist die Tatsache, dass du morgen früh sicher auf einer unbekannten Couch aufwachen wirst, in einer Wohnung, deren Besitzer dir genauso unbekannt ist, wie der Parfumgeruch, der zusammen mit dem Schweiß und Rauch von gestern an deiner Haut klebt, in einem Stadtteil, der dir völlig fremd ist, ohne Geld
für einen Bus, mit dem du nach Hause fahren könntest, mit verschmiertem Lippenstift auf deinem neuen Hemd, von dem dir ganz und gar schleierhaft ist, wo er herkommen mag. Es stört dich glücklich zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass du dies alles sehr bald schon wieder vergessen haben wirst.
Man lebt für den Moment, denkst du dir, let it be, my darling, die Welt ist ein einziger Scherbenhaufen, der jeden Tag zusammengekehrt wird und in welchen man tags darauf aus unerfindlichem Grund wieder hineinstolpert, obwohl du
gar keine Glasflaschen im Kühlschrank zu Hause stehen hast.
Da fällt dir ein, dass du noch Einkaufen musst, um kurz nach 2 Uhr nachts, und findest dich eine halbe Stunde später wieder, mit verheulten Augen, klopfend und sabbernd an der Glastür eines Supermarkts, weil dir niemand aufmachen will, obwohl dort drinnen doch noch das Licht an ist.


Ich würde gerne ...

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8 Antworten to “Zeitvertreib Patentrezept”

8 02 2007
soeren onez (18:20:08) :

Tolle Geschichte, wunderbar geschrieben. ich kann mich fast in dieser Situation sehen, obwohl ich (schwöre) noch nie die Scheiben eines Supermarkts vollgesabbert habe. Aber so manchen Tankstellenverkäufer zugelabert.

9 02 2007
plasmaoxyd (11:42:17) :

Thx :)
Ganz ehrlich – ich habe auch noch nie die Scheibe eines Supermarkts vollgesabbert. Das mit den Tankstellenverkäufern könnte echt hinkommen. :P

9 02 2007
Manu (13:27:15) :

Brandy genau ins Schwarze Saufen und die Folgen. Gratulation! Ich kann mich bis auf den Morgen danach voll reinversetzten, der bei mir immer anders aussieht ;) .
Für Helmut Hass
En Gute´n

9 02 2007
plasmaoxyd (13:33:36) :

Hehe^^
Der Text besteht allerdings aus mehreren zusammengesetzten Erlebnissen, und einige Extreme sind auch Ausgeburten meiner Phantasie. :)
Weißt doch wie empfindlich ich bin xP

9 02 2007
niemand (16:36:14) :

vielleicht sollt ich mich auch mal besaufen -.-

10 02 2007
plasmaoxyd (17:59:03) :

Man muss nur seine Grenzen kennen.
Dann passiert niemandem was. :)

10 02 2007
sabre (20:55:11) :

herrlich :-) sehr fein geschrieben

10 02 2007
plasmaoxyd (21:42:30) :

=)

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