Monolog einer Kloschüssel

20 03 2007

Mein Name ist Knut. Ich bin kein Mensch, aber schäme mich nicht für das, was ich bin. Ich bin eine beigefarbene Kloschüssel, die bald ihren 25. Geburtstag feiert. Leider habe ich nicht das Super-Sanitär-Los gezogen, wie das weiße Marmorkloset Jean-Pierre, zur selben Stunde hergestellt wie ich, das mit seinem glänzenden Spühlknopf jetzt die High Society im “Cheval noir”, dem angesagtesten Restaurant des Regierungsviertels beglücken darf.
Meine Bürde wiegt schwerer, und zwar wortwörtlich. Ich werde weder in einem teuren Haushalt, noch in einem Gemeindehaus genutzt.
Mein Zuhause ist der Bahnhof. Das Bahnhofsklo ist der Ort, der von den meisten meiner Nutzer als der ekelhafteste Ort der Welt empfunden wird. Hier bleibt keiner gerne lange, sei es die Hast des Reisenden oder einfach der schlichte Ekel, der die Menschen aus diesen Räumlichkeiten heraustreibt. An meiner glatten Oberfläche sind schon soviele Existenzen zerbrochen, soviele
Schicksale habe ich zu Grunde gehen sehen, schon so viele Seelen sind vorbeigeflogen; das Elend der Stadt, der Bodensatz der Gesellschaft, und dazu gehören wohl viele, so wie das hier aussieht. Ich weiß in und auswendig, wie man sich einen Schuss setzt, die Dosis für einen Goldenen kann ich mittlerweile auch abschätzen. Aber ich kann sie nicht warnen davor, weil ich nicht sprechen kann. Blut habe ich schon viel gesehen. Schon einige Tausend Zigaretten sind auf meinem Gesicht ausgedrückt worden. Viele Menschen hatten in der Kabine, in welcher ich mein Dasein friste, ihren Spaß, viele unfreiwillig, was man dann wahrscheinlich nicht mehr als Spaß bezeichnet. Wie gerne würde ich aus meiner Hülle ausreißen und dafür sorgen, dass der Platz neben mir für soviele einsame Seelen nicht der Ort ihrer Verzweiflung werden muss.
Bald hat das alles an ein Ende für mich. Heute werde ich sterben. Ein neues WC kommt an meine Stelle. Aluminium und Marmor. Automatische Spülungen. Infarottrockner und
wassersparende Spülung zum Drücken, nicht mehr die zum Ziehen. Ich bin nicht mehr gut genug. Wie die Menschen die an mich angelehnt die einzig warme Herberge in ihrem Leben fanden.
Ich habe mich damit abgefunden und hoffe, in meiner Zeit auf dieser Erde eine nützliche Aufgabe erfüllt zu haben.
Ich höre sie schon anrücken, mit ihren Vorschlaghämmern. Hoffentlich tut es nicht all zu arg weh. Der Dreck wird mir fehlen. Ziemlich sogar. Die Neonröhre flackert mir ein ‘Auf Wiedersehen!’. Sie wird auch ausgetauscht.
Schritte.
Sie kommen schon.


Ich würde gerne ...

Infos

6 Antworten to “Monolog einer Kloschüssel”

20 03 2007
moi-même (16:02:15) :

faszinierend.
sehr großes einfühlungsvermögen
und jean-pierre – hervorragend!

;-)

20 03 2007
niemand (16:45:36) :

hast du zuviel zeit? magst du vllt meine hausaufgaben übernehmen ;E?

20 03 2007
.markus (20:35:12) :

Ich kannte Knut und es tut mir leid dass ich ihm immer mit Ekel begegnet bin. ;)

Sehr schöne Geschichte!

20 03 2007
plasmaoxyd (21:12:48) :

=)
Ich benutzte Knut nicht oft, aber ich denke, es liegt in der Natur des Menschens sich vor Bahnhofsklos zu ekeln, oft wohl aus dem Grund, weil sich das typische Klischee leider oft bestätigt.
Knut RIP

22 03 2007
canela (13:15:46) :

interessante perspektive mit viel fantasie. gefällt!

22 03 2007
andi (17:52:38) :

sehr schön geschrieben, hatte gleich mitleid mit der schüssel…

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