Fressen und gefressen werden

13 04 2007

Der Regen kleidet die Betonklötze mit glitzerndem Gewand ein und lässt die dunkelblonden Haare in dicken Strähnen an der Haut kleben. In durchnässten Sommerkleidern kniet sie auf dem schwarzen Teer und hält den blutenden Kopf ihrer Mutter zwischen den Beinen.
“Helfen sie mir doch!”, schreit sie in die Wand aus Regen und Blindheit hinein.
Eilige und schnelle Füße entfernen sich aus dem Kreis von Schaulustigen, der sich um sie gebildet hat.
Glotzende Augen, glotzende Münder, glotzende Fressen, glotzendes Staunen über den Tod, der seinen Atmen so knapp neben einem selbst aus den Lungen presst. Wie gern man sich doch von seinem Hauch im Genick kitzeln lässt. Sensationsgeilheit, Maulaffenfeil und Fotohandys, die man jedem einzelnen aus der Hand reissen, oder noch besser, gleich mitsamt der ganzen Hand vom Arm abhacken sollte! Wenn man seine Hände nicht zum Helfen nutzen will, dann braucht man sie überhaupt nicht.
“Bitte helfen sie mir
doch!”, schreit das Mädchen mit verzweifelter Miene, während graue Mäntel der Anonymität an ihr vorbeistreifen.
“Oh Gott, bitte helfen sie mir doch, meine Mutter stirbt sonst!”
Tränen oder Regen – wer kann das schon noch unterscheiden. Mittlerweile hat sich eine dunkle Lache aus Blut gebildet, die sich in kleinen Ärmchen und zarten Äderchen auf dem nassen Boden schwimmend immer weiter vergrößert.
Das erstickte “Mama, Mama” dringt kaum noch durch den prasselnden Vorhang hinter dem sich die schuldigen Gesichter so leicht verbergen können. Und niemand hilft. Und niemand hilft. Niemand.

Wenn diese Menschen, die nicht geholfen haben, dann zu Hause am reich gedeckten Abendbrottisch bei heißem Tee sitzen, bei ihren Kindern und die Mathenoten ihrer Jüngsten bestaunen, dann werden sie von ihrem aufregenden Tag erzählen:
“Es war so schrecklich, Schatz! Diese Frau war schwanger und lag im Sterben. Und erst das verzweifelte Mädchen, dass ihr so aufopferungsvoll den Kopf gehalten hat. Und
keiner hat geholfen, alle sind nur drumherum gestanden. Schreckliche Welt ist das … Das es soweit gekommen ist mit der Zivilcourage, da sollte man etwas dagegen tun. Wie dem auch sei, ich bin dann schnell weiter, damit ich die Bahn noch erwischt hab. Gibst du mir mal die Butter rüber, Schatzi?”

Das Schreien hat nicht aufgehört.
Morituri te salutant – Die Todgeweihten grüßen dich.


Ich würde gerne ...

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4 Antworten to “Fressen und gefressen werden”

13 04 2007
niemand (16:47:14) :

war selber mal in so ner situation, vielleicht nich ganz so krass aber hat gereicht um sich drüber im klaren zu werden, was mit der gesellschaft kaputt is…
als ich mal von der schule nach hause gelaufen bin, im winter, lag vor mir plötzlich ein alter man, der nimmer aufstehn konnte.. ich hab versucht ihm aufzuhelfen, aber er is immerwieder umgefallen, war schließlich glatt… es kamen bestimmt 200schüler vorbei oder ganze familien vom einkaufen, weil sich das mitten in der stadt ereignete.. aber es kommt ja niemand auf die idee zu helfen, wozu denn auch…

glotzen und mim finger draufzeigen geht eben immer..

13 04 2007
plasmaoxyd (18:31:12) :

ob sich dieses verhalten je ändern wird? in anderen ländern is das mit sicherheit anders, oder zb aufm land, da kennt man sich noch besser.

15 04 2007
Nick (17:06:15) :

Was das angeht sehe ich die Welt nicht ganz so schwarz, gerade wenn eine Person sich verletzt oder zusammenbricht findet sich oft eine helfende Hand. Wenn aber jemand auf offener Straße von mehreren verprügelt oder angegriffen wird sieht das schon anders aus. Auf jeden Fall aber eine dramaturgisch gelungene Anekdote.

16 04 2007
plasmaoxyd (16:39:43) :

Die gesellschaftskritische Komponente war beim Schreiben auch eher zweitrangig. Eine “dramaturgisch gelungene Anekdote”, wie du sagst, war mir hier wichtiger.

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