Mittelmeer-Blues

14 07 2007

Jetzt sitze ich nun da vor der Tastatur, habe eine gigantische Woche hinter mir und bin froh, dass ich so endlich wieder Inspiration gefunden habe, um die Seiten dieses Blogs mit Leben zu füllen. Bevor ich in das Loch falle, dass allen geilen Zeiten folgt, wenn noch immer die Stimmen der Freunde durch den Kopf geistern und man die Brandung rauschen hört, wenn man die Augen schließt – bevor dieser Emotions-Jetlag zu seiner Entfaltung kommen wird, werde ich von der letzten Woche erzählen, vom Mittelmeer-Blues.

Studienfahrt, Klasse 12, Gymnasium. Faules Pack im schulischen Endstadium auf dem Weg nach Süd-Italien, Piano di Sorrento ein paar Kilometer von der Millionenstadt Neapel entfernt.
Das erste erwähnenswerte Erlebnis waren die Hütchenspieler an einer Autobahnraststätte; traurig, wie viele Idioten sich noch immer ihr ganzes Urlaubsgeld abzocken lassen. 18 Stunden Busfahrt gingen an die Substanz, aber es hat sich gelohnt.
Neapel ist
ein kranke Stadt. Müll an jeder Ecke, eng stickig, dreckig, aber voll von Leben – ein lebendiger Pickel am Rande der italienischen Mittelmeerküste. Von Mafia und Kriminalität auf den großen Hauptstraßen keine Spur. Ein Hehler bot uns eine nagelneue Digitalkamera und einen teuren Laptop erst für 550 Euro, dann 400 Euro und letzlich 300 Euro an – wir lehnten jedoch dankend ab.
In der Stadt und der ganzen Umgebung sind Verkehrsregeln und Ampeln offenbar eine freiwillige Erfindung, an die man sich besser nicht hält, oft zumindest, wie unser erfahrener Busfahrer uns erklärt hatte. Jedes Auto sieht aus wie von Pariser Vorortjugendlichen vandaliert, und wenn die Parkplätze aus sind, dann parkt man einfach ein paar Spuren im fünfspurigen Innenstadtverkehr zu.
Wenn man die Mentalität der Neapolitaner beschreiben will, dann kann man das glaube ich so: Man baut etwas auf und lässt es einfach stehen. Wenn etwas kaputt geht, dann repariert man es nur, wenn man ansonsten etwas nicht weiterbenutzen
könnte.
Wenn der Vesuv ausbricht, sterben auf den Schlag 300.000 Menschen in der Region, Millionen werden obdachlos werden. So wie ich das sehe wird das die Bewohner der Gegend wenig stören, sie würden nach wenigen Wochen wohl wieder ihren Wochenmarkt abhalten.
Capri ist übrigens auch ein Muss. Die Bootsfahrt auf diese wunderschöne Insel brachte mich zwar dazu meinen Magen zu entleeren (viel war nicht drin), aber das wurde allein schon durch das Klippenspringen, die viertgrößte Yacht der Welt und Tom Hanks entschädigt. Er hat uns sogar zugewunken.
Mit D. und B. bin ich am ersten Abend am Meer gewesen und wir haben einem einsamen Hundchen ein Lied zur Melodie von “Angie” von den Stones gesungen.
Hundiii, Huuuuuuundiii, du bist so einsam und aha-allein.
Und einen Blues mit alkholdurchtränkter, schmetternder Stimme: Den Mittelmeer-Blues. Das Reglement sieht für diese Art von musikalischer Selbstunterhaltung folgendes vor: Eine billige Akusitikgitarre, eine frische Brise am Meer,
etwas Bier und die Füße in der kalten Brandung.
Ich werde diese Tage niemals vergessen. Wenn nicht wegen der Gegend und der Erlebnisse, dann wegen den Menschen, mit denen ich sie erlebt habe.


Ich würde gerne ...

Infos

4 Antworten to “Mittelmeer-Blues”

16 07 2007
canela (10:28:10) :

schöner erlebnisbericht. gefällt mir.

übrigens aus neapel kommt ein toller blues- und jazzsänger pino daniele. ich mag seine texte, weil er die menschen und die stadt neapel, treffend von dir als ein lebendiger pickel beschrieben, besingt. und das alles auf neapolitanisch. was nicht mit dem “hoch”italienisch gleichzusetzen ist.

16 07 2007
plasmaoxyd (13:51:52) :

An jeder Ecke waren Plakate von der neapolitanischen Antwort auf Eros Ramazotti: Gigi d’Alessio.
Verstanden habe ich von den leuten dort nicht viel.
“Prego, prego !!! ” *mitdenHändenrumfuchtel*

16 07 2007
.markus (19:35:26) :

“Emotions-Jetlag”

Nach einem treffenden Wort für die Beschreibung dieses Zustandes habe ich schon Jahre gesucht und jetzt endlich gefunden :-)

19 07 2007
plasmaoxyd (00:07:16) :

Ein sich dauernd aufdrängedes Phänomen. Habe den Eindruck, das Leben besteht nur aus Jetlags.

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