Heute laufe ich mal wieder Amok, …

20 11 2007

… in philosophischer Hinsicht.
Ein oft gebrauchtes Totschlag-Argument in Diskussionen über Religion lautet etwa wie folgt: “Eine Religion die man vor Tausenden von Jahren erfunden hat, die passt doch nicht mehr in unsere Welt. Ich glaube an die Wissenschaft.” An Wissenschaft kann man nicht glauben, sonst würde man sie nämlich Glaubensschaft nennen.
Oh – das fängt ja gut an, aber – nein, hier soll niemand in seinem persönlichen Denken angegriffen werden. Mir geht es nur um das fehlende differenzierte Denken, das die moderne Diskussion über Religion und Atheismus in eine Sackgasse steuert. Manche halten sich einfach nur für Gott, weil sie das Wort “Wissenschaft” aussprechen können.
Eine Frage die sich jeder Nutzer dieses weit verbreitetetn Arguments mal ehrlich beantworten sollte: Ist die Welt denn so anders als früher? Wissen wir im Endeffekt denn soviel mehr? Kommen durch wissenschaftliche Errungenschaften denn weniger Menschen um
als früher? Schafft Wissenschaft Solidarität?
Unter dem Strich nicht. Nichts hat sich in den letzten 2000 Jahren verändert, außer das über die Menschheit und ihr Denken hier und da etwas Lack aus Vernunft und “Menschlichkeit” gesprüht worden ist. Aber Lack rostet und mit Schlüsseln lassen sich darauf unschöne Kratzer, lange, tiefe Kratzer erzeugen. Es ist nur so einfach mit diesem Argument der Wissenschaft die eigene Denkweise zu untermauern, weil es so eine komfortable Aussage hat, über die man nicht groß nachzudenken braucht. “Das haben doch schon die Wissenschaftler für mich getan.” Gibt man damit nicht seine Selbstbestimmung, den Status eines frei denkenden Lebewesens auf, den man mit der Flucht aus dem Glauben an einen höheren Sinn eigentlich erreichen wollte?
Aber es kann noch weiter gehen: Ich hasse es, wenn Hassprediger mit Menschen, die ihren Mitmenschen mit Glauben Hoffnung machen wollen, in einen Topf geworfen werden und Religion als ein großes böses Etwas verurteilt wird.
Somit machen sich diese “Kiritker” nämlich selbst zu Hasspredigern und verraten somit das Ideal, dass sie mit ihrer Religionskritik verteidigen wollen.
Es gibt viele Wege die auf Abgründe zusteuern, doch es gibt auch Wege, die auf den Gipfel führen. Das sollen sich mal alle Miesmacher gesagt sein lassen.


Ich würde gerne ...

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7 Antworten to “Heute laufe ich mal wieder Amok, …”

20 11 2007
Benjamin B. (21:52:06) :

Nun ja, grob ausgedrückt:
Die Wissenschaft hat unsere heutige Welt ermöglicht. Ohne sie würden wir unseren Lebensunterhalt immer noch als Bauern verdienen und unsere Pestkranken in Lager am Stadtrand einsperren. Technologie und Technik bringen enorm hohen Komfort. Sei es schon nur die elektrische Heizung.

Heutzutage beginnen wir zu verstehen, wie die Welt in ihrem Innersten funktioniert. Wir können sehr viele Geschehnisse erklären und teils auch voraussagen. Ausser natürlich man ist der Meinung, die Wissenschaft würde nicht die Realität untersuchen, erforschen und beschreiben.

Was die Religion anbelangt: Ihre Anhänger werden anmassend, grosse Teile zumindest, die eben gerade nicht sehen, dass sie halt glauben und nicht wissen. (Sorry, aber für Gespenster gibt’s halt keine Evidenz, nicht mal Indizien.) Sektierer mischen sich in
Angelegenheiten ein, mit denen sie überhaupt nichts zu schaffen haben. Gegen das kämpfen die Neuen Atheisten, die du hier wohl ansprichst, nicht gegen den persönlichen, individualistischen Glauben, der sich in einem Nachtgebet äussert.

21 11 2007
plasmaoxyd (17:46:08) :

Du hast recht. Ich wollte damit auch nicht die Errungenschaft der Wissenschaft in Versorgung, Medizin usw., in Frage stellen. Mir ging es nur darum, dass diese Wissenschaft nichts an den Menschen “innendrin” ändert. Deshalb kann man auch nicht wie manche sagen “an die Wissenschaft” glauben. Wissenschaft vertritt nämlich keine Ideale, wie es zum Beispiel eine Religion tut. Wissenschaft hat das zwischenmenschliche Zusammenleben nicht signifikant verändert. Da waren eher Philosophen, Relgionsstifter und Politiker die dafür verantwortlich waren.
Wenn ich da Kampf-Atheisten wie Michael Schmidt-Salomon höre, die von der “Kriminalgeschichte” des Christentums reden, und irgendwleche Missetaten irgendeiner Kirche vor 1000 Jahren mit der philosophischen Frage nach Gott in eine Topf werfen, (wobei das 2 total verschiedene Diskussionspunkte sind) und gleichzeitig nicht wissen
wollen, dass ohne die karitative und soziale Tätigkeit der christlichen Kirchen, die auf der Ausführung ihrer Ideale beruhen, das komplette deutsche Pflege und Sozialsystem zusammenbrechen würde – da kommt mir die Wut hoch.

Das mit den Geistern stimmt, man kann sie nicht beweisen; zumindest hat noch nie jemand eine Gestalt im weißen Laken oder ein durchstichtiges wabberndes Wesen fangen oder fotografieren können. Das schließ jedoch nicht die Existenz von Dingen aus, die transzendent, doer wissenschaftlich nicht beweisbar sind.
Vor einigen hundert Jahren war es “wissenschaftlich” auch bewiesen, dass es nur weiße Schwäne gibt. Es hat ja noch nie jemand einen andersfarbigen Schwan gesehen. Irgendwann dann aber kolonialisierte man Australien und siehe da: Schwarze Schwäne!
Vielleicht ist vieles auch nur Einbildung – aber wer kann schon sagen was wir uns einbilden und was nicht, darüber haben wir doch noch keine endgültige Gewissheit. ;)

Jemanden wie dich habe ich auch nicht in den Kreis
meiner im Text “Beschuldigten” eingeschlossen, da du, wie man es deinen Aussagen entnehmen kann, jemand bist, der da eindeutig differenzieren kann.

21 11 2007
anonym (21:15:35) :

Ich sag nur zu einem was:
Man kann doch nicht sagen das es etwas nicht gibt blos weil man es noch nie gesehen hat. Oder es nicht nachweisen kann.
Man kann leicht beweisen, das etwas gibt. Man muss es nur kurz zeigen oder beweisen. Ist ja klar. Da ist ein Apfel also gibt es ihn auch.
Aber willst du beweisen das es etwas nicht gibt? Das geht eigentlich nicht. Denn man müsste die gesamte Erde, jedes Fleckchen absuchen, die Vergangeheit und die Zukunft berücksichtigen. Wie will man das machen.

Aus dem anderem halt ich mich raus, denn ich hab zwar meine Meinung, aber da ich die Hälfte nicht verstehe sag ich nichts xD

21 11 2007
Benjamin B. (23:47:39) :

@plasmaoxyd: Danke.

Du hast schon Recht, die Kirche hat zwar extrem viel Übel über die Welt gebracht, aber genauso (nur weniger gut demonstrierbar) viel Gutes getan. Heutzutage ist die offizielle katholische Kirche eher auf dem Wohltäterweg, abgesehen natürlich von der Kondom-/Aids-Frage.

Die philosophische Frage nach Gott ist dann sowieso etwas völlig anderes.

Und ja, die Wissenschaft prägt die Kultur kaum, dazu ist sie dann zu trocken, zu nüchtern, schlussendlich zu kalt und zu gross das Desinteresse der breiten Bevölkerung an ihr.

Absolute Gewissheit verspricht lediglich der Glaube, die Wissenschaft arbeitet bloss mit Wahrscheinlichkeitswerten, Experimenten und Empirie, die Ratio nicht zu vergessen.

Noch kurz ein Wort zur ‘Geisterfrage’: Die Nichtexistenz von etwas zu beweisen, ist auch eine ziemlich
schwierige Angelegenheit. Ich sehe einfach keinen Grund, wieso ich annehmen sollte, es würde dieses oder jenes tatsächlich geben, bloss weil dies jemand behauptet hat, dafür jedoch nicht das kleinste Indiz existiert. Zum Beispiel wäre es durchaus möglich, dass wir alle bloss Legofigürchen in einem Schachspiel sind, das ein rosarotes Rhinozeros gegen eine sechsbeinige Schildkröte spielt. Nur halt relativ unwahrscheinlich.

23 11 2007
plasmaoxyd (14:09:58) :

Dein letzter Absatz fasst das gut zusammen, was man bezüglich eines Beweises von Nichtexistenz von etwas sagen kann.
Ich bin auf jeden Fall froh über die Reaktionen auf den Artikel. :)

24 11 2007
dark_android (20:29:43) :

also ich muss auch mal mein senf dazu geben…

ich denke dass die wissenschaft doch maßgeblich einfluss auf unser leben hat nur mal am beispiel “apple”: forschung wird in neue produkte umgesetzt die dann leute dazu zu bringen in einen wahn zu verfallen und tage lang vor läden zu campen…. muss man dem noch was hinzufügen?

außerdem denk ich dass sowohl philosophen sie auch politiker am ende wissenschaftler sind.

24 11 2007
plasmaoxyd (20:39:38) :

Wissenschaft -> Computer -> Internet -> World of Warcraft -> Dehyrdierung und Herzinfarkt vor dem Computer
Das wäre ein anderer “Einfluss”. :P

Unetr Wissenschaft habe ich eben diesen schwammigen Begriff angeführt, der manchen auch alleinstehend als Argument dient, jegliche Beschäftigung mit religiösen Themen in die Mottenkiste zu verdammen.

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