In Gedenken

6 01 2008

Auch wenn einige behaupten, wir Menschen würde die Vergangenheit verehren, weil wir ein perverses Verhältnis zu ihr haben – das Graben in alten Fotografien von Vorfahren, seien es solche die man noch gekannt hat, oder solche, die man nie getroffen hat, das ist etwas Besonderes.
Fotografien von den Brüdern meiner Großmutter. Einer gesunken mit der Scharnhorst, einer gefallen bei Warschau durch einen Kopfschuss. Dafür gab es ein Verwundetenabzeichen. Ein Stück lackiertes Metall. Was wollen Tote mit Abzeichen, wenn wir sie selbst vergessen? Beide damals erst um die 20. Gesichter deren Züge man kennt, Verwandte, die einem selbst ähnlich aussahen, in denen man sich selbst zu sehen vermag, auch wenn sie ihre letzten Gedanken dachten, ihre letzten Atmezüge taten, als wir noch lange nicht begonnen haben zu existieren. Gefallen, so wie viele andere auch, auf allen
Seiten, ob für eine gute Sache oder nicht, spielt für die einzelnen Schicksale in diesem Moment keine Rolle.
Im nächsten Stapel sind Bilder zu finden, die einen der beiden auf einem Landweg mit Freunden zeigen, lachend in stattlichen Anzügen, wenige Wochen vor dem Gang in den Krieg, in fröhlicher Pose mit der Mandoline in der Hand. Fotos im Garten, Portaits in Uniform in Hochglanz – das einzige was bleibt, was den Müttern damals blieb.
“Wollte dich fragen, ob du meine Mandoline haben willst”, steht in einer Karte an meine Großmutter. Vielleicht wollte man sie ihm wegnehmen, vielleicht wollte er sie retten, falls ihm was passieren sollte – vielleicht wieder damit spielen, wenn er wieder zu Freunden und Familie zurückgekehrt wäre. Vielleicht, vielleicht, vielleicht …
Briefe von Freunden, die mit 18 Jahren im März 45 an die Front gingen, und ebendies in den letzten, in den Hinterlassenschaften auffindbaren Briefen in Eile, mit Bleistift und zittriger Schrift berichteten.
Niemand weiß
genau, was sie dachten und wer sie waren, und die die es noch wussten, die sind auch schon fort. Von Asche zu Asche, von Staub zu Staub. Was übrig bleibt sind die vergilbten Postkarten und bleiche Fotografien. Man kennt diese Schicksale, man kennt sie aus dem Fernsehen, aus dem Geschichtsunterricht, aus Büchern, doch hier hält man ihre Briefe, ihre Worte, ihre Sätze in der Hand … ihre Gedanken. Das ist etwas anderes. Das sind die eigenen Wurzeln, für die man sich heute meist nicht mehr zu interessieren vermag.
Wo wäre ich gestanden zu dieser Zeit, was hätte ich gedacht, was hätten wir gedacht?
Vielleicht sind uns diese alten Fotos eine Lehre und möglicherweise schauen diese Menschen auf uns herunter und wünschen uns nicht nur, dass es uns besser ergeht, sondern dass wir alle Kriege und jeden Hass, der solches auszulösen vermag, zu verhindern wissen mögen …


Ich würde gerne ...

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4 Antworten to “In Gedenken”

14 01 2008
Anne (17:50:09) :

ja… *seufz* das ist wunderbar geschrieben… ich bin… hm… gerührt.

eine frage (die vllt komisch erscheint): wo hast du die bilder gefunden? sind sie in einem alten fotoalbum? oder in einer keksdose?

liebe grüsse, die anne.

14 01 2008
plasmaoxyd (18:21:02) :

Danke. :)
Gefunden sind sie mehr oder weniger. Sie waren in einem Karton, den man eben mal durchschauen musste, schließlich war auch viel unnützes Zeug dabei, wie zB alte Stromrechnungen. Also der Fund war jetzt nicht so romantisch, wie man ihn sich oft vorstellt und wie man es oft in Filmen sieht, dass jemand über den verstaubten Dachboden stapft, und dann ein kleines unscheinbares Kistchen zu Tage fördert, die durch den Tod seines Besitzers in Vergessenheit geraten ist.
Aber ist meist doch sehr interessant zu erfahren, wie wenig man der Nachwelt hinterlässt – ein paar Fotos, Briefe und die Erinnerungen. Bei uns wird ddas sicher mal anders sein. Will gar nicht wissen, wie oft man im Schnitt in unserem Alter auf irgendwelchen digitalen Fotos im Netz zu sehen ist, auf Partys, geburtstagen, veranstaltungen …, von den schriftlichen Hinterlassenschaften in Blogs,
Foren und Chats mal ganz abgesehen.
Die Romantik stirbt aus. ^^

20 01 2008
Anne (19:47:11) :

hm naja… also, ich finde es komisch, dass erinnerungen meistens in schachteln oder (wirklich sehr oft) in keksdosen aufbewahrt werden. man macht sich eben selten die mühe, fotos in ein album zu kleben, es sei denn es ist jetzt DAS heilige familienalbum schlecht hin.
ich für meinen teil hab es mir angewöhnt, erinnerungen in den karton eines päckchens, dass ich mal bekommen habe, zu stecken. darin finden sich dann die champagnerkorken vom letzten weihnachtsfest, ein bestimmtes kuchenrezept, die erklärung der menschenrechte, eine gepresste blume, fererroküssenpapiere, ein alter schülerausweis, zugtickets und so weiter. diese ganzen dinge haben nur für mich allein einen wert, ich stelle mir vor, wie seltsam es für meine nachfahren sein müsste, diese kiste zu finden und sich zu fragen, warum ich so einen müll aufhebe… da merkt man, wie komplex ein einzelner mensch ist…
o.o manchmal glaube ich, dass man aus der geschichte eines jeden menschens ein spannendes buch machen kann. einige wären vielleicht dicker als die anderen, wiederum einige dünner. hm. dieses päckchen bedeutet mir so viel, für andere ist es völlig wertlos. seltsam, oder?
ich finde, jeder mensch sollte so eine keksdose oder eine kiste haben. warum auch immer.
gute nacht ;) die anne!

20 01 2008
plasmaoxyd (20:58:49) :

So ne kleine Zigarrenkiste wie aus ‘Die fabelhafte Welt der Amelie’, die ein kleiner Junge hinter einer Wandfliese versteckt? Mit Fotos und Spielzeugauto. ^^

Man kann aus jedem und alles etwas spannendes machen. Es kommt nur darauf an wie man es schreibt. =)

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