Gerüchte der lebendigen Toten

19 03 2008

Da gibt es doch diese Sache, diese Geschichte mit der Wahrnehmung von Zeit. Aus wenigen Quellen habe ich schon gehört, dass die Zeit, die nach dem achtzehnten Lebensjahr kommt, also der Rest der übrigen Lebenszeit, genauso schnell vergehen soll, wie die ersten 18 Jahre. Woran könnte das liegen? An unserer Gleichgültigkeit? An der abgestorbenen Neugier? An dem Verständnis, dass wir von der Welt gewonnen haben? Wenn in unserem Kopf nichts passiert was uns bewegt, dann bewegen wir uns auch nicht gegen den Strom der Zeit. Aber es ist doch alles eine Sache der Wahrnehmung. Wir nehmen die Zeit nur schneller war, weil wir einzelne Momente nicht mehr wirklich und bewusst wahrnehmen. Und werden Träume auch dazu gezählt? Da gibt es nämlich noch eine Geschichte, von der ich gehört habe.
Jeder kennt das, wenn er müde auf sein Bett sinkt, die Augen schließt und wirres Zeug träumt; durch
Welten verrücktester Natur geistert und sich dabei vorkommt, als sei man auf einem stundenlangen Trip. Doch nach dem Aufwachen sagt mit der Radiowecker, dass seit meinen Einschlafen nicht einmal ganze zwei Minuten vergangen sind.
Im Traum gibt es keine Zeit. Wir können im Traum nicht sagen, dass wir schon seit ungefähr zwei Minuten träumen, weil ein Traum nicht wirklich geschieht, sondern nur aus einem Gedankenblitz besteht – einer Abfolge von Impulsen in unserem Kopf, die sich innerhalb von Sekundenbruchteilen erledigt hat. Deshalb erleben wir die Momente in unseren Träumen auch nicht bewusst, denn um einen Moment bewusst zu erleben muss man in der Lage sein, sich im Nachhinein ebenso bewusst an diesen Moment erinnern zu können. Erst dann findet dieser Moment in unserem Kopf statt. Aber ein Traum ist nur ein Film.
Und nun zum Sterben: Wenn ein Mensch stirbt, dann setzen die Funktionen des Gehirns anscheinend nicht sofort aus, sondern sind noch je nach Todesart eine bestimmte Zeit aktiv (was
sich beim Verglühen im Einschlagsradius einer Atombombe beispielweise erledigt hat. Aber von so einem Scheisstod gehen wir jetzt mal nicht aus).
Nehmen wir doch einmal an, diese Mär von der Geschicht’, dass im Moment des Todes das ganze eigene Leben nochmal an einem vorbeizieht, sei wahr und möglich … könnten wir dann in diesen Bruchteilen der Zeit nicht noch einmal unser ganzes Leben durchleben?
Ob das jetzt wissenschaftlich korrekt sein mag oder nicht, das sei mal dahingestellt. Aber alleine die Vorstellung von der Sache, dass man in diesen Bruchteilen der Zeit ein unendlich langes Leben wahrnehmen könnte, die ist beeindruckend. Ob wir in dieser Zeit etwas verändern können, das ist nicht entscheidbar, denn woher wissen wir, dass wir überhaupt etwas verändern. Wissen wir es jetzt, in diesem Moment, ob wir etwas verändern können, oder ob unsere komplette Wahrnehmung schon vorbestimmt ist?
Beunruhigend finde ich deshalb bei dieser These allerdings, dass man sich doch eigentlich nicht
darüber im Klaren sein kann, ob man genau in diesem Moment, in welchem ich diesen Artikel schreibe und ihr ihn lest, dass man in diesem Moment möglicherweise schon diesen letzten Traum durchlebt und eigentlich schon lange tot ist.

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Ich würde gerne ...

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12 Antworten to “Gerüchte der lebendigen Toten”

20 03 2008
Postmaster (09:58:08) :

Wow, das ist mal wieder richtig tiefgründig, Marc.
Da lässt sich ein Leben lang drüber grübeln. (Oder doch nur einen Traum lang?)
Aber ich kann Dich beruhigen; auch nach dem 18. Lebensjahr zieht sich so ein Leben ganz schön hin. Mitunter hat man sogar eher das Gefühl, daß die Zeit still steht. Nur an Silvester, da fragt man sich immer öfter, wo denn bloß das vergangene Jahr schon wieder geblieben ist… ;-)

20 03 2008
plasmaoxyd (14:19:48) :

Tja, wenn man gerade für sein Reli-Abi lernt und den ganzen Tag mit Freud, Feuerbach, Kant, und Thomas von Aquin’s Hypothesen rumhantiert, dann lassen sich solche Ergüsse eben nicht vermeiden. :D

Dieses Urteil, wie schnell die Zeit vergangen ist, dass wird man im Alter aber denke ich immer gleich fällen. Jetzt wo man noch einigermaßen jung ist, da scheint es so, als würde die Zeit manchmal dahinkriechen. Aber rückblickend (siehe Silvester), ist immer alles zu schnell vergangen …

20 03 2008
Postmaster (14:52:06) :

Das ist wie mit Urlaub: monatelang arbeitet man darauf hin, und die Zeit bis dahin zieht sich wie Kaugummi. Und kaum ist es dann so weit, gibt es einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum oder so und es macht ‘Klack’ und schon ist er rum, bevor man überhaupt gemerkt hat dass er angefangen hat… :-S

21 03 2008
plasmaoxyd (16:32:48) :

Gute Umschreibung :P
Wenn du aber keinen Bock auf deinen urlaub hast, dann wird dir der Urlaub so ewig lang vorkommen. ^^ Alles eine Sache der Wahrnehmung …

22 03 2008
ebf (15:06:37) :

mir ist noch dazu eingefallen, dass man nach der theorie garnet sterben kann. volgendermaßen stell ich mir das vor: kurz bevor man stirbt, durchlebt man nochmal sein gesamtes leben, mitsamt dem nochmal durchleben am ende. entsprechend durchlebt man sein eigenes leben immer wieder. zunächst real und danach immer nur in gedanken.
da frag ich mich, zum wievielten mal ich diesen text wohl schon schreibe…

22 03 2008
Sliver (22:47:40) :

interessanter text :)
jetzt mal ganz unphilosophisch dazu^^
ich hab in ner japanischen sendung gesehen, dass der grund warum das leben in steigendem alter schneller voran geht, ist, weil zb ein jahr für einen zehnjährigen ein ganzes zehntel ist, für einen 60-jährigen allerdings nur ein sechzigstel. hat dann auch irgendso ein wissenschaftler belegt. ich will mich nicht festlegen, wollts nur als info einbringen.^^

23 03 2008
plasmaoxyd (21:03:18) :

@ebf:
Das ist ne tolle Theorie. Der abgefimte Fernseher. Da sieht man mal wieder, dass man sich auf fast jichts festlegen kann, weil alles so verworren ist und man nie alles gleichzeitig zu Gesicht bekommt. ^^

@Sliver:
Das hört sich plausibel an, wenn man davon ausgeht, dass man im jeweils aktuellen Alter beim Erinnern immer das komplette Alter miteinbezieht, also auch wirklich vom aktuellen Moment ausgeht und das bisher Erlebte als Ganzes betrachtet.

26 03 2008
canela (21:28:53) :

das sagte mein 10jähriger neffe zu mir: wow, canela, wie die zeit vergeht! nun ist mein cousin schon bald drei jahre alt!

28 03 2008
plasmaoxyd (15:47:08) :

Sogar der merkt das schon. =)
Vielleicht bekommen deshalb Leute immer wieder frische Kinder. ^^

28 03 2008
Postmaster (18:07:31) :

Also, ich hab heute von 09:00 bis 17:00 gearbeitet, habe also jetzt Feierabend. Aber ich schwöre feierlich, diese Zeit von neun bis fünf, das waren mindestens 12 Stunden, wenn nicht noch mehr. Aber die 48 Stunden Wochenende, die jetzt kommen. die dauern auch nur 12 Stunden. Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit, wenn ein Arbeitstag genau so lange dauert wie das Wochenende? Oder das WE nur so kurz ist wie ein Arbeitstag? Und die Nacht ist ja auch schon wieder nach zweimal Umdrehen rum…
Hach, irgendwie ist das ganz schön verwirrend… ;-)

29 03 2008
plasmaoxyd (12:32:10) :

Vesruch dir mal vorzustellen, dass du auf dein Wochenende übel keinen Bock hast. :D

1 04 2008
postmaster (09:02:04) :

Stimmt, das könnte das ganze erheblich in die Länge ziehen… ;-)

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